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Veröffentlicht: 12.01.2009, 12:00 Uhr

Lulu Belles Pfannkuchen

Eigenwillige Memoiren eines Nobelpreisträgers

Das Manuskript lag lange auf Vernon Smith' Schreibtisch. Die Verlage waren nicht begeistert und schickten es zurück. Nobelpreisträger hin oder her, alle Lektoren verlangten größere Veränderungen an Struktur und Inhalt. Die Memoiren des Ökonomen, der für die "Einführung von Laborexperimenten als Instrument der empirischen Wirtschaftsanalyse" 2002 von der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften gemeinsam mit Daniel Kahnemann geehrt worden ist, seien in sich viel zu uneinheitlich, hieß es. Die Leserschaft werde mit den großen Sprüngen im intellektuellen Anspruchsniveau zwischen den verschiedenen Ebenen und Kapiteln des Buchs nicht zurechtkommen.

Es ist wahr: Der Leser sollte schon so gestrickt sein, dass er sich nicht langweilt bei der Erklärung, wie man Buttermilchpfannkuchen im Stile seiner Mutter Lulu Belle Lomax zubereitet, tomatensoßenfreie Hamburger à la "Nu Way" ("Ketchup auf einem selbst gemachten Hamburger ist ein Frevel") und "Dye's Chili". Er darf sich nicht scheuen, in die historisch durchaus emblematische, tragische Familiengeschichte einer Eisenbahnersippe aus dem Mittleren Westen einzusteigen, die Smith mit großem erzählerischen Talent offenlegt. Er muss Interesse mitbringen für die logische und chronologische Herleitung wissenschaftlicher Pioniertaten auf dem Feld der experimentellen Ökonomik und der Auktionstheorie. Er braucht Offenheit für allgemeine wirtschaftspolitische, wissenschaftshistorische und philosophische Exkurse des vielseitig interessierten und belesenen Autors.

Und er sollte gespannt sein auf die Überlegungen eines mit dem Asperger-Syndrom diagnostizierten Wissenschaftlers zum Unterschied in der Funktionsweise von Geist ("mind") und Gehirn ("brain"). Asperger ist eine für Außenstehende kaum wahrnehmbare, mit hoher Abschottungs- und zugleich Konzentrationsfähigkeit einhergehende Form des Autismus. Oder der Leser wählt sich einfach das eine oder andere aus dem vielfältigen Menü aus. Dennoch muss er darauf gefasst sein, dass alle Ebenen des Buches einander immer wieder überlappen und durchdringen.

Und genau das ist das Faszinierende an diesem Buch. Es ist nicht etwa seine Schwäche, sondern seine Stärke. Dass diese Memoiren doch noch weitgehend unverändert gedruckt worden sind, verdankt sich einem wohlmeinenden Rat, dem Vernon Smith schließlich zum Glück gefolgt ist - nämlich seine Memoiren besser im Eigenverlag herauszugeben, als sie schnöder kommerzieller Interessen zuliebe zu verstümmeln. Immerhin schreibt man seine Memoiren nur einmal im Leben. Und so können sich nun die Leser über ein Werk freuen, das einen so amüsanten wie anregenden und bewegenden Einblick in das Leben einer ungewöhnlichen Wissenschaftlerpersönlichkeit gibt.

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