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: Liberale Daumenregeln

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Die Finanzkrise bringt so manchen Liberalen an den Rand der Verzweiflung. Nicht weil sich der Kapitalismus als instabil erwiesen hat. Das ist keine schockierende Erkenntnis, denn überall, wo Menschen miteinander zu tun haben, gibt es immer wieder Verwerfungen. Was Sorge bereitet, sind die Folgen: ...

          Die Finanzkrise bringt so manchen Liberalen an den Rand der Verzweiflung. Nicht weil sich der Kapitalismus als instabil erwiesen hat. Das ist keine schockierende Erkenntnis, denn überall, wo Menschen miteinander zu tun haben, gibt es immer wieder Verwerfungen. Was Sorge bereitet, sind die Folgen: die Stimmungslage, die sich zu Lasten von Markt und individueller Freiheit und zugunsten staatlicher Eingriffe gewandelt hat, sowie die auch in Fakten wie Neuverschuldung und Staatsquote ablesbare Wiederauferstehung des Etatismus.

          Die Klagen der Liberalen, dass ihr Ruf nach freien Märkten nicht gehört wird, sind älter als die Krise. Schon immer mochten Wissenschaftler noch so einwandfrei logisch und empirisch nachweisen, dass die Gesellschaft dank einer wettbewerblichen Wirtschaftsordnung voller aufblüht, als wenn sich in ihr der Sozialstaat krakenhaft aufbläht. Sozialwissenschaftler haben versucht, die Ursachen dieses Politikversagens zu erklären.

          Man erkannte, dass es sich für Politiker auszahlt, Partikularinteressen zu bedienen. Man erblickte ein Problem darin, dass die Bürger den Politikern nicht hinreichend auf die Finger schauen, weil das Geschehen so komplex ist, dass es sich für den Einzelnen gar nicht lohnt, umfassend informiert zu sein. Erschwerend kommt hinzu, dass Ökonomen stets komplex argumentieren müssen, statt schon mit gutmenschlichen Appellen überzeugen zu können.

          Am anderen Ende des Spektrums der Erklärungsversuche steht eine liberale Kapitulation: Es ist nicht auszuschließen, dass die Bürger keinen Wert legen auf individuelle Freiheit und wirtschaftliche Effizienz. Vielleicht sind ihnen Solidarität und Gerechtigkeit wichtiger. Möglicherweise sind sie bereit, für mehr Einkommensgleichheit auf wirtschaftliche Dynamik zu verzichten. In der Tat legt die Geschichte des Wohlfahrtsstaats nahe, dass das so sein mag; auch Wahlentscheidungen und Umfragen sprechen keine deutlich andere Sprache.

          Gerade als Liberaler müsse man derlei akzeptieren, betont Gerhard Wegner, Inhaber des Lehrstuhls für Institutionenökonomie und Wirtschaftspolitik an der Universität Erfurt - sowohl als Wunsch des Einzelnen wie auch als demokratische Entscheidung eines hierin übereinstimmenden Kollektivs. Heißt das aber, dass mit einem Volk, das mehrheitlich so denkt, gar kein liberaler Staat mehr zu machen ist, weil man die Leute nicht zu ihrem Glück zwingen kann und will?

          Nein, sagt Wegner, der als Liberaler so rasch nicht kapitulieren will. In seiner theoretisch sehr sauberen und höchst anspruchsvollen Analyse entwickelt er einen anderen, versöhnlicheren und auch weniger frustrierenden Erklärungsansatz für das beschriebene Phänomen, mit dem er Bürger und Politiker weder für irrational noch für illiberal erklärt. Den Grundgedanken dazu holt er sich bei dem Ökonomen und Sozialphilosophen Friedrich August von Hayek, der mit seinen Denkfiguren der "spontanen Ordnung" und des "Wettbewerbs als Entdeckungsverfahren" auf die evolutionäre Kraft des menschlichen Miteinanders abgehoben hat.

          Hinter beiden Begriffen steht die Einsicht, dass es gesellschaftliche Austausch- und Rückkopplungsprozesse sind, welche die zum Teil widersprüchlichen Interessen der Bürger koordinieren, und dass während dieser Prozesse nicht nur vorhandenes Wissen zusammengebunden wird, sondern stets neues Wissen entsteht. Damit geht nicht nur Respekt vor individuellen Entscheidungen einher, sondern auch das Bewusstsein, "dass wir unsere Unwissenheit ernster nehmen" und uns vor politischer Anmaßung hüten sollten.

          Wegner führt dies zu der Beobachtung, dass es logisch unmöglich ist, die Folgen konkreter wirtschaftspolitischer Eingriffe schon im Vorhinein vollumfänglich abzuschätzen. Wie es sich auswirkt, wenn die Bundesregierung einen Mindestlohn oder eine Abwrackprämie auslobt, kann man zwar theoretisch schon recht zuverlässig ableiten - real aber lassen sich die Folgen der Anreizverzerrung, die damit bewusst herbeigeführt wird, erst im Nachhinein besichtigen. Seien diese Folgen negativ, zögen die Bürger auch ihre richtigen, liberalen Schlüsse, vermutet Wegner - doch eben erst im Nachhinein.

          Mit diesem "liberalen Lernen" bietet der Autor eine äußerst elegante Lösung für ein theoretisches Rätsel. Praktisch aber dürfte die Rettung am umgekehrten Erkenntnisproblem scheitern: Ist die Misere einmal da, kann sich kaum mehr jemand an den Eingriff erinnern, der sie herbeigeführt hat. Die Vergesslichkeit ist groß, die sachliche wie personelle Zurechnung schwierig. Heute ist das Staatsversagen auf dem Weg in die Krise auch kaum mehr Thema, die Anmaßung von Wissen durch die Politik setzt sich fort.

          Gerade weil das so ist, erstrahlt jedoch in Wegners Schlussfolgerung mit Blick auf Legitimität und Stringenz des Liberalismus ein Hoffnungsschimmer: Der ordnungspolitische Kernsatz, die Koordination durch Preise auf Märkten sei möglichst ungestört zuzulassen, ist für ihn Ausfluss des Vorsichtsprinzips. Wenn eine umfassende Abschätzung der Folgen politischer Eingriffe im Vorhinein kaum möglich ist, dann lohnt sich eine liberale Daumenregel, die Schlimmeres verhütet, für alle Beteiligten.

          Nicht nur vor dem Hintergrund der Krise ist dieses Buch lesenswert, auch angesichts der aktuellen Auseinandersetzungen um das Fach Ökonomie. Denn Wegners Werk demonstriert auf beeindruckende Weise, dass es neben der empirischen Forschung auch andere Formen fruchtbaren wirtschaftswissenschaftlichen Arbeitens gibt. In diesem Buch verbinden sich komplexes Systemdenken und ökonomische Evolutorik mit politischer Theorie und Philosophie. Angestaubtheit kann man einem solchen Ansatz gewiss nicht vorwerfen. Hier zeigen sich Ordnungstheorie und Ordnungspolitik in radikal moderner Form.

          KAREN HORN

          Die Verfasserin leitet das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.06.2009, Nr. 141 / Seite 12

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