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Veröffentlicht: 14.04.2008, 12:00 Uhr

Lauter kluge Köpfe

Faszinierende Interviews mit berühmten Ökonomen

Wie wird man in den Wirtschaftswissenschaften ein Star? Wie lebt es sich dort oben, in der dünnen Luft des Elfenbeinturms? Wie entstehen Ideen, Ansätze, Methoden, Forschungsrichtungen? Was sind die Antriebskräfte? Am besten fragt man die Wissenschaftler selbst und lässt sie so zugleich ein wenig subjektive sozialwissenschaftliche Zeitgeschichte schreiben, hat sich William Barnett gedacht, Professor für Makroökonomik an der University of Kansas und Herausgeber des Fachjournals "Macroeconomic Dynamics". Dort hat er seit Ende der neunziger Jahre eine Serie von Interviews veröffentlicht, die allesamt von hochangesehenen Vertretern des Fachs geführt worden sind. Der erste Sammelband davon liegt nun als Taschenbuch vor, bestückt mit 16 Interviews und einer Vielzahl von Fotos.

Da spricht beispielsweise Bennett McCallum mit Robert Lucas, Olivier Blanchard befragt Stanley Fischer, John Taylor lässt den Leser teilhaben an seiner Diskussion mit Milton Friedman, William Barnett und Robert Solow plaudern mit Franco Modigliani, John Campbell interviewt Robert Shiller, und Sergiu Hart unterhält sich mit seinem Doktorvater Robert Aumann. Als Verneigung vor einem Ökonomen, der die Zunft geprägt hat wie kaum ein anderer, hat Barnett als Mitherausgeber den jetzt 92 Jahre alten Paul Samuelson ins Boot geholt. Er hat ein Vorwort geschrieben.

Ökonomen im Gespräch mit Ökonomen - das kann reizvoll und tiefgründig sein, voller Weisheiten aus berufenem Munde, andererseits aber auch technisch und mühsam zu lesen. Gerade auf dem Feld der gesamtwirtschaftlichen Theorie ist dieses Risiko groß, denn hier wird seit Jahren kaum mehr verbal argumentiert. Stattdessen wird abstrahiert, modelliert, kalibriert, simuliert. Oder es werden einfach neue Methoden entwickelt. Nicht immer hat das viel mit der Wirklichkeit zu tun. "Mich haben Probleme der wirklichen Welt nie wirklich motiviert. Ich bin mehr ein Strukturalist. Ich habe manche Fragen verfolgt, weil sie interessante Rätsel aufgeben, nicht weil sie in irgendeiner Weise ökonomisch relevant wären", sagt David Cass. Damit steht er nicht allein. Nicht direkt darauf gemünzt, aber durchaus darauf anwendbar meint Robert Shiller: "In der Ökonomik ist das Risiko größer als etwa in der Chemie, etwas Nutzloses zu tun."

Das Anspruchsniveau der Gespräche ist sehr unterschiedlich. In manchen Fällen dürfte die Lektüre Fachfremden Mühe bereiten: Man sollte da schon parat haben, was es mit "allgemeinem Gleichgewicht", "rationalen Erwartungen" und "realen Konjunkturzyklen" auf sich hat. In vielen anderen Fällen ist es den Interviewern aber doch gelungen, verständlich zu fragen, technische Details streckenweise zu meiden und die Antworten sowohl theoretisch als auch atmosphärisch einzuordnen. Auch für amüsante Bosheiten und Spitzfindigkeiten ist da noch Raum. In den schönsten, an gescheiten Betrachtungen reichsten Interviews liegt der Fokus neben den theoretischen Fragen ohnehin darauf, Biographien zu beleuchten und mit der Theoriegeschichte zu verweben.

Ein Beispiel dafür ist das Gespräch, das Duncan Foley mit Wassily Leontief geführt hat, dem Erfinder der Input-Output-Analyse, zwei Jahre vor dessen Tod. Leontief erzählt, wie er nach dem Studium der Philosophie, Soziologie und Ökonomie 1925 die Sowjetunion verlassen musste und nach Berlin ging, wo er Werner Sombart und Sergei Bortkiewicz als Hochschullehrer hatte: "Professor Sombart verstand nichts von Mathematik." Das klingt wie eine Rüge, ist aber nicht so gemeint. Denn Leontief sah die wachsende Formalisierung der ökonomischen Wissenschaft äußerst kritisch. So lästert er: "Viele mathematische Ökonomen sind bloß Mathematiker, die nicht gut genug waren." Darin stimmt ihm Milton Friedman zu, in einem ebenfalls sehr munteren, thematisch weit gefassten, äußerst spannenden Gespräch: "Es wird zu viel Betonung auf die Mathematik an sich gelegt und zu wenig auf die Mathematik als Instrument, das hilft, wirtschaftliche Beziehungen zu verstehen. Niemand kann ein Modell mit vierzig Gleichungen begreifen."

Nach seiner Reaktion auf die Theorien von John Maynard Keynes befragt, spricht Leontief den vernichtenden Satz: "Ich hatte den Eindruck, dass er seine Theorie nur entwickelt hat, um seinen politischen Rat zu rechtfertigen. Keynes war mehr Politiker als Analytiker." Geradezu ergreifend ist das Gespräch mit Janós Kornai, der als Ökonom trotz Unterdrückung und zeitweiliger Verfolgung im sozialistischen Ungarn überlebte und einen eklektischen ökonomischen Ansatz entwickelte. Kornai rang lange mit dem herkömmlichen neoklassischen Ansatz der Nationalökonomie, der ihm wie eine Zwangsjacke erschien - doch heute gesteht er ein, dass auch in der Wissenschaft nicht immer revolutionäre Brüche nötig seien: "Fortschritte können häufiger in evolutiver Weise erzielt werden, als ich dachte."

Unter theoriegeschichtlichem Aspekt sind die Interviews mit den beiden Keynesianern Franco Modigliani und Paul Samuelson besonders ergiebig - die ganze Debatte rund um die sogenannte keynesianische Revolution steht vor dem Auge des Lesers wieder auf. Ganz getreu diesem Paradigma wettert Modigliani gegen die Konzentration der Europäischen Zentralbank auf das Ziel der Preisstabilität, und Samuelson nutzt die Gelegenheit, um dabei zum tausendsten Mal mit Milton Friedman abzurechnen, dem permanenten Stachel in seinem ökonomischen Fleische.

Sämtliche Interviews sind minimal redigiert und verströmen so eine anregende Ursprünglichkeit. Was fehlt, sind Angaben über das Alter der Interviewten - was in manchen Fällen zur Einordnung recht nützlich wäre. Das tut dem Befund keinen Abbruch, dass hier ein außergewöhnlich wertvolles und spannendes Dokument zur Entwicklung der Ökonomie entstanden ist. Der zweite Band soll alsbald erscheinen - dann mit Interviewten wie Allan Meltzer, Axel Leijonhufvud, Anna Schwartz und Assar Lindbeck.

KAREN HORN

Die Verfasserin leitet das Berliner Büro des Instituts der deutschen Wirtschaft.

Glosse

Inkasso furioso

Von Oliver Jungen

Einnahmen in Höhe von acht Milliarden Euro reichen den Öffentlich-Rechtlichen nicht. Noch jeder säumige Zahlungspflichtige soll gestellt werden. Als Geldeintreiber will man aber nicht dastehen. Mehr 2 9

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