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: Lasst die Waffen ruhen

  • Aktualisiert am

Warum steht die Intelligentsia links? Warum gehört der Antikapitalismus bei den meisten Intellektuellen zum guten Ton? Eigentlich ist es eine Stammtischfrage, die Alan Kahan stellt. Er tut dies allerdings nicht augenzwinkernd. Es ist dem in Paris lehrenden amerikanischen Historiker ein sehr ernsthaftes ...

          Warum steht die Intelligentsia links? Warum gehört der Antikapitalismus bei den meisten Intellektuellen zum guten Ton? Eigentlich ist es eine Stammtischfrage, die Alan Kahan stellt. Er tut dies allerdings nicht augenzwinkernd. Es ist dem in Paris lehrenden amerikanischen Historiker ein sehr ernsthaftes Anliegen, in dem lange währenden, destruktiven und nur schwer verständlichen "Krieg zwischen den Intellektuellen und dem Kapitalismus" endlich einen Waffenstillstand herbeiführen. Schließlich hätten rechte wie linke Ideologien, die auf dem von Intellektuellen geförderten antikapitalistischen Ressentiment breiter Massen aufbauten, schon Millionen Menschen in den Tod geschickt.

          In der Beantwortung seiner Frage gelingt ihm ein Kunststück. Kahan setzt sich mit dem Thema so tiefschürfend auseinander, dass ein zwar nicht vollständiger, aber auch in seiner Pointiertheit lehrreicher Abriss der Geistesgeschichte der abendländischen Zivilisation entsteht. Das behandelte Personal reicht von Denkern wie Platon und Aristoteles, Cicero und Seneca, Montesquieu, Rousseau, Adam Smith, Max Weber und Michel Foucault bis hin zu Romanciers wie Emile Zola und Thomas Mann, deren Werk er mit Blick auf die unterschwellige antikapitalistische Kulturkritik analysiert. Gleichzeitig kommt Kahans Antwort aber auch als eine ergötzliche Polemik daher. Das ist seinem hintergründigen Humor und seiner Lust an der Provokation zu verdanken. So ist "Mind vs. Money" keine trockene wissenschaftliche Abhandlung, sondern ein frecher länglicher Essay. Das geht nicht ab ohne beherzte Vereinfachungen, Karikaturen und Auslassungen. Dennoch ist dies ein wichtiges, mutiges und mit begnadet flotter Feder geschriebenes Thesenbuch.

          Das Ross, auf dem Alan Kahan durch die Jahrtausende galoppiert, ist seine soziologische Kernthese von den Intellektuellen als "dauerhaft entfremdeter Klasse". Auf eine solche Konstruktion kann nur kommen, wer wie Kahan auf eine marxistische Sozialisation zurückblickt. Er skizziert die Intellektuellen als einen singulären, dank der marktwirtschaftlichen Demokratisierung stark aufgeblähten Stand. Anders als andere Gruppen bildeten sie keine ökonomische Klasse; deswegen fühlten sie sich der realen Welt entfremdet. Wie die Aristokratie definiere sich die Intelligenz nur über ihren Status, nicht über ihr Geld.

          Von anderen Gruppen unterscheide sie neben ihrer Lebensart als akademische Elite oder Boheme unter anderem ein sorgsam kritischer Diskurs. Soll heißen: Sie hinterfragen alles und jedes, und oftmals tun sie dies in einer hermetischen Sprache, die ihren Sonderstatus demonstrieren soll. Besonders hart geht Kahan hier mit Heidegger und mit der Frankfurter Schule ins Gericht.

          Intellektuelle strebten nach umfassender Autonomie, erklärt der Autor - nicht bloß nach Freiheit von Zwang und Willkür durch weltliche und religiöse Mächte, sondern mehr noch nach Unabhängigkeit vom Markt. Das geht so weit, dass sich ausgerechnet beamtete Universitätsprofessoren besonders unabhängig fühlen. Die intellektuelle Weichenstellung hierfür verortet er in der Antike. Das klassische Griechenland kannte nur politische, nicht individuelle Freiheit. Die politische Freiheit war ein Privileg der freien, der oberen Stände - und diese waren so gut gestellt, dass sie sich die Hände nicht mit Arbeit schmutzig machen mussten. Aristoteles unterschied zudem zwischen dem "naturgemäßen", maßvollen und dem "naturwidrigen" Erwerb, der zum Selbstzweck degeneriert. Auf dieser Spur setzte sich das Denken und Moralisieren dann fort. Wie Kahan schreibt, hat die Einstellung der Menschen zu Geld, Reichtum und Markt unter dem Einfluss der Intellektuellen grob drei Etappen durchlaufen: "1) Du sollst kein Geld erwerben (aber welches besitzen), 2) Du sollst kein Geld besitzen (sondern es den Armen geben), 3) Du sollst nicht mehr Geld besitzen oder erwerben als andere Menschen (das ist nicht gerecht)." Die erste Kulturetappe ist die antike, aristotelische; die zweite die christliche; die dritte die demokratische, die bis heute reicht.

          Nicht alle Intellektuellen stünden dem Kapitalismus feindselig gegenüber. Etwa von 1730 bis 1830, in der Zeit der Aufklärung, habe es kurze "Flitterwochen" zwischen den Intellektuellen ("Mind") und allem Wirtschaftlichen ("Money") gegeben. Dieser Zeit verdanke der Westen seine freiheitlichen demokratischen Marktwirtschaften. Zugleich aber habe die "Ausbreitung des Kapitalismus das größtmögliche Schlachtfeld für den Kampf von These und Antithese, von ,Mind' und ,Money'" geschaffen. Wie ist es möglich, fragt Kahan, dass "kluge Leute immer weiter dumme Fehler machen"? Schließlich steche "die Unterstützung von Intellektuellen für Hitler, Lenin, Stalin, Mussolini, Mao, Pol Pot und Castro ... ins Auge". Seine Antwort: weil der Hass auf den Kapitalismus emotionale, quasireligiöse Züge angenommen habe; weil die Revolution ein allzu verlockender Gedanke sei; weil sich die dauerhaft entfremdete Klasse hier als "sichtbare Hand" betätigen und sich überlegen fühlen dürfe.

          Auch spielten sich Intellektuelle als Pseudoklerus auf, sie hielten sich für zuständig in allen moralischen Fragen. So anstößig dies klingen mag, in diesem Fall ist Kahan - selbst ein Intellektueller - ganz entspannt. Die Intellektuellen seien die Hofnarren der Moderne. In einer Zeit, in welcher die Religion an Bedeutung verliere, erwachse ihnen auf dem Feld von Sinnstiftung und moralischer Kultur eine wichtige Aufgabe. Sie müssten sie aber bitte konstruktiv ausüben. Statt den Markt zu vernichten, sollten sie ihn hegen, pflegen, ergänzen. Alle bekommen ihr Fett ab: Neokonservative, Globalisierungsfeinde, Umweltfanatiker, Feministen. Kahan argumentiert dialektisch: Der Kapitalismus brauche die Kritik der intellektuellen Nattern, die er nähre, damit er sich als soziale Ordnung vervollkommnen könne. Sie dürften ihm aber zuvor keinen tödlichen Biss versetzen.

          KAREN HORN

          Die Verfasserin leitet das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.08.2010, Nr. 200 / Seite 10

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