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: Klassische Ökonomen

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Theorien prägen die Praxis. Eine Auseinandersetzung mit den Klassikern ist allerdings nicht nur deshalb sinnvoll. Sie lohnt sich vor allem, weil mit unserem heutigen Blick auf ältere Texte stets etwas Neues in unseren Köpfen entsteht - und das kann höchst kreativ sein. So war es beispielsweise die Lektüre eines angestaubten Buches von Knut Wicksell, die James M.

          Theorien prägen die Praxis. Eine Auseinandersetzung mit den Klassikern ist allerdings nicht nur deshalb sinnvoll. Sie lohnt sich vor allem, weil mit unserem heutigen Blick auf ältere Texte stets etwas Neues in unseren Köpfen entsteht - und das kann höchst kreativ sein. So war es beispielsweise die Lektüre eines angestaubten Buches von Knut Wicksell, die James M. Buchanan auf die Idee gebracht hat, die allgemeine Zustimmungsfähigkeit ins Zentrum seines vertragstheoretischen Ansatzes zu stellen.

          Die Lektüre der Klassiker erfordert indes Geduld und Hingabe. Die von Heinz Kurz versammelten Autoren nehmen dem Leser diese Mühe ab und beleuchten Leben, Werk und Wirkung der jeweiligen Klassiker auf kompetente und verständliche Weise. Die Texte sind spannend, zum Teil machen sie Lust auf mehr. Allerdings muss man sich darauf einrichten, dass hier vor allem Keynesianer am Werk sind - was gewisse Wertungen und nicht immer faire Seitenhiebe auf Andersdenkende erklärt.

          Der zweite Band der "Klassiker des ökonomischen Denkens" beginnt mit John Bates Clark, den man als Namensgeber einer amerikanischen Auszeichnung kennt. Die Analyse durch Harald Hagemann lässt nachvollziehen, dass Clark ansonsten zu Recht vergessen ist - was aber sucht er dann in dieser Reihe? Es folgen der Wohlfahrtstheoretiker Vilfredo Pareto; der Kapitaltheoretiker Eugen von Böhm-Bawerk; der von Hans-Michael Trautwein unsachlich als "radikalliberal" eingestufte Knut Wicksell; der "Leisure-Class"-Denker Thorstein Veblen; Irving Fisher; Arthur Cecil Pigou und Joseph Schumpeter.

          John Maynard Keynes bezeichnet Volker Caspari schon im ersten Satz großspurig als einen Ökonomen, dessen "Bedeutung für die Wirtschaftswissenschaften vergleichbar ist mit derjenigen Luthers für die Entwicklung der christlichen Kirche". Zu behutsam geht er mit den Schwächen etwa von Keynes' "Treatise on Money" um. Heinz Kurz selbst schreibt über Piero Sraffa, der im Auftrag von Keynes nach Friedrich August von Hayeks Attacke zurückschoss. Um zu beurteilen, wer die besseren Argumente hatte, müsste der Leser die Gegenseite kennen. Stephan Böhm skizziert diese zwar in seinen Ausführungen über Hayek, aber er schenkt sich leichterhand die Fundierung in dessen Schriften. Auch schreibt er mit kaum verhohlenem Spott für einen Ökonomen und Sozialphilosophen, den er als schon zu seiner eigenen Zeit unzeitgemäße traurige Figur hinstellt.

          Zu Hayeks subtiler Denkfigur der Wissensteilung gestattet er sich noch den gehässigen Kommentar: "Jahrzehnte angestrengten Denkens und Tausende von gedruckten Seiten sind erforderlich, bis Hayek in der Lage ist, seine Botschaft auf den Punkt zu bringen." Und beim Blick auf die Fortwirkung des Werks unterschlägt Böhm glatt die ganze moderne Ordnungs- und Konstitutionenökonomik.

          Hauke Janssen geht mit Walter Eucken nicht besser um und behauptet, dieser erste große Ordnungstheoretiker habe mit dem autoritären Staat sympathisiert. Er sei weit entfernt gewesen davon, "Demokratie und Marktwirtschaft als zusammengehörig zu begreifen". Der Begriff der "Interdependenz der Ordnungen" dürfte das theoretisch ebenso widerlegen wie der Ruf nach einem "starken Staat", der ja nach Eucken nur insofern stark sein muss, als er sich von Interessengruppen nicht beirren lassen darf. Die Dysfunktionalitäten des politischen Prozesses und die potentielle Ausbeutung von Minderheiten durch Mehrheiten in der Demokratie zu beargwöhnen macht auch praktisch niemanden zum autoritären Reaktionär.

          Es folgen Beiträge über die Begründer der Spieltheorie, John von Neumann und Oskar Morgenstern, über Wassily Leontief und Milton Friedman. In einem vom eigenen Erleben geprägten, warmherzigen Stück wird Carl Christian von Weizsäcker Paul Samuelson gerecht. Bevor das Buch mit einem Beitrag über Amartya Sen endet, porträtiert Martin Hellwig subtil Kenneth Arrow. Versteckt in einer Fußnote bietet er dabei die bisher klügste Übersetzung von "moral hazard" an: "verhaltensbedingte Fährnisse" statt "moralisches Risiko". Denn "moral" heißt nicht moralisch, sondern "auf menschliches Verhalten bezogen".

          Hätten die deutschen Ökonomen im 19. Jahrhundert über eine ähnliche Gelehrsamkeit verfügt wie Hellwig, dann wäre der Zunft die irreführende Debatte um den scheinbaren inneren Widerspruch zwischen Moral und Wirtschaft in den Arbeiten von Adam Smith erspart geblieben.

          KAREN HORN

          Die Verfasserin leitet das Hauptstadtbüro des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2010, Nr. 62 / Seite 10

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