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: Gegen die Begabungskiller

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Die Schulsysteme in Deutschland und Österreich glänzen nicht durch große Effizienz. Davon zeugen nicht zuletzt die regelmäßigen Ergebnisse des internationalen Schüler-Leistungstests Pisa. In den Bildungseinrichtungen wird Potential vergeudet. Andreas Salcher schreibt in seinem Buch über die Schüler und ihre Feinde von Talentevernichtungsanstalten.

          Die Schulsysteme in Deutschland und Österreich glänzen nicht durch große Effizienz. Davon zeugen nicht zuletzt die regelmäßigen Ergebnisse des internationalen Schüler-Leistungstests Pisa. In den Bildungseinrichtungen wird Potential vergeudet. Andreas Salcher schreibt in seinem Buch über die Schüler und ihre Feinde von Talentevernichtungsanstalten. Salcher, Unternehmensberater, Mitbegründer der Begabteneinrichtung Sir-Karl-Popper-Schule in Wien und konservativer Querdenker, hat damit einen der gefragtesten Sachbuchtitel in den zurückliegenden Monaten in Österreich auf den Markt gebracht.

          Es ist eine Abrechnung mit dem bestehenden System: Nach wie vor gibt es unter den Lehrern zu wenig Wettbewerb und zu wenig Anreize für Höchstleistungen, moniert der Autor. Pädagogen als Talenteschmiede kommen dieser Aufgabe ungenügend nach. Es gebe weit mehr Kleinkinder eines Jahrgangs mit einem hohen oder zumindest auf einem Gebiet überdurchschnittlichen Begabungspotential, als es dann später begabte Erwachsene gebe. Die Frage, wie viele dieser Begabungen bereits im Kindergarten, in der Schule und in der Pubertät verlorengehen, beantwortet Salcher nicht.

          Statt sich auf die Begabungen von jungen Menschen zu konzentrieren, werde die Aufmerksamkeit auf ihre Schwachstellen gelegt, bemängelt der promovierte Betriebswirt und schlussfolgert, dass damit die Stärkung des Humankapitals gehemmt wird: zum Nachteil eines Landes. Denn Bildung stellt die wichtigste Quelle des Wohlstands und somit der Wettbewerbsfähigkeit eines Landes dar. Bildungsabschlüsse zahlen sich aus, nicht nur für Entwicklungs- und Schwellenländer. Akademiker haben ein weit niedrigeres Arbeitslosigkeits- und Armutsrisiko als geringer Qualifizierte, sie erzielen auch ein deutlich höheres Einkommen als Personen mit bloßer Pflichtschulausbildung.

          Salcher fordert mehr Wettbewerb für die Schulen und Pädagogen und eine bessere Ausbildung für die Lehrer, vor allem die Erzieher an den Grundschulen. Bei der Ausbildung von Lehrern lägen Österreich und Deutschland weit hinter den führenden Ländern zurück. Er weist unter Verweis von Untersuchungen darauf hin, dass der Grundschulbereich entscheidend für die gesamte Schullaufbahn ist. Hier würden die Fundamente für das Lernverhalten gelegt. Hingegen hält er die fortwährenden Diskussionen über die Schulorganisation (Gesamtschule) nicht für zielführend. Denn die Motivation und das Leistungsniveau der Schüler hingen zur Gänze vom Lehrer ab, heißt es.

          Salcher kritisiert auch den Umgang mit den Pisa-Ergebnissen. Natürlich könne man und solle man vom Besten lernen, aber das sei nur die Pflicht. Wer dagegen selbst einmal zu den Besten gehören wolle, müsse sich eigene ehrgeizige Ziele setzen und vor allem jene Bereiche definieren, die in Zukunft über die Wettbewerbsfähigkeit entscheiden würden. Pisa zeigt das nur bedingt. Singapur, das als Nicht-OECD-Land bisher auch nicht an diesem Test teilnahm, veranschauliche, was das praktisch heiße.

          Während dort in der Vergangenheit stark auf Mathematik und Naturwissenschaften gesetzt wurde, werden Kreativität, Kunst und der Umgang mit Komplexität in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Der Schwerpunkt wird auf holistisches Lernen gelegt, und vor allem Schulen mit einer sportlichen und künstlerischen Ausrichtung werden besondere Förderungen erhalten. Die Chance für Österreich und Deutschland, die besten Schulen der Welt zu schaffen, liegt demnach darin, eigene nationale Bewertungskategorien aufzustellen, die weit ehrgeiziger sind als jene von Pisa, meint Salcher und verweist auf Michelangelo: "Die größte Gefahr für die meisten von uns ist nicht, dass wir hohe Ziele anstreben und sie verfehlen, sondern dass wir uns zu niedrige setzen und sie erreichen."

          Das Buch ist leichtfüßig geschrieben und lesenswert, weil es die Perspektive des zu Erziehenden den konventionellen Ansichten der Pädagogen gegenüberstellt. Es räumt mit dem Vorurteil auf, dass Talent eine rein genetisch bedingte Konstante ist, und weist nach, dass viele Kinder über viel mehr Talent verfügen, als ihre Erzieher glauben. Dieser Nachweis ist aus zwei Gründen wichtig: Wirtschaftswachstum, Armutsbekämpfung, Klimaziele und andere Herausforderungen werden nur gemeistert werden, wenn so viele Menschen wie möglich ihre Talente höchstmöglich ausschöpfen können.

          Das Buch konzentriert sich vor allem auf das österreichische Schulwesen. Doch ist die Kritik grenzüberschreitend. Bemängelt wird nicht nur das herrschende System, sondern es werden Beispiele von Schulen im deutschsprachigen Raum, in Italien und Amerika gegeben, wo Talente von Kindern entdeckt und gefördert werden.

          MICHAELA SEISER

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