http://www.faz.net/-gqz-6k2u2

: Eine ganze Welt im Fluss

  • Aktualisiert am

Zum gemeinsamen 125. Geburtstag von Hamburger Hafen und Logistik AG und Speicherstadt hat Oliver Driesen ein Jubiläumsbuch mit dem stolzen Titel "Welt im Fluss" geschrieben. Die HHLA ist Nachfolgerin der Hamburger Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft, die am 7. März 1885 gemeinsam von Senat, Norddeutscher ...

          Zum gemeinsamen 125. Geburtstag von Hamburger Hafen und Logistik AG und Speicherstadt hat Oliver Driesen ein Jubiläumsbuch mit dem stolzen Titel "Welt im Fluss" geschrieben. Die HHLA ist Nachfolgerin der Hamburger Freihafen-Lagerhaus-Gesellschaft, die am 7. März 1885 gemeinsam von Senat, Norddeutscher Bank und einigen Kaufleuten zur Realisierung und Verwaltung der Hamburger Speicherstadt gegründet wurde. Die auf Tausenden von Eichenpfählen errichtete, anderthalb Kilometer lange Strecke prächtiger Rotklinker-Gebäude mit Giebeln, Erkern und Türmchen gilt als beispiellose Initiative früher Zusammenarbeit von Staat und Wirtschaft und als musterhafte norddeutsche Backsteinarchitektur.

          Zustande gekommen ist der heute denkmalgeschützte, riesige Lagerhauskomplex auf den ehemaligen Elbinseln Kehrwieder und Wandrahm als Folge des Zollanschlussabkommens von 1881 mit dem Deutschen Reich. Darin wurde der Hansestadt ein Großteil ihres Hafens als Freihafen genehmigt, damit ihre Kaufleute weiterhin Importgüter zollfrei und kostengünstig lagern, veredeln und verarbeiten konnten. Für die neuen Räumlichkeiten auf dem Freihafengelände wurden 20 000 Menschen zwangsumgesiedelt und 1000 hafennahe Wohnhäuser abgerissen.

          Beim Zollbeitritt 1888 waren bereits zwei Drittel der neuen Speicherstadt fertig, hinter Zollzaun und Graben bestens mit Eisenbahnen, Straßen und Fleeten vernetzt. Das damals größte Hafenlogistikzentrum verfügte über moderne hydraulische Kräne, Aufzüge und Seilwinden sowie Stromversorgung aus einem eigenen Kraftwerk. Seine Topausstattung machte den Hamburger Hafen im Kaiserreich zum drittgrößten der Welt nach New York und London.

          Die ursprünglich gehandelten Kolonialwaren Kaffee, Tee und Kakao, Tabak, Gewürze und Kautschuk füllen schon lange nicht mehr die pittoresken neugotischen Lagerhäuser der Speicherstadt, und statt der alten Sackkarre gibt es seit geraumer Zeit Gabelstapler sowie immer raffiniertere Ladefahrzeuge. Vor allem aber machten wachsender Containerumschlag und automatisierte Lagerverwaltungssysteme den überkommenen Betrieb in den letzten Jahrzehnten zum Anachronismus.

          Im Jahre 2004 wurde die funktionsentleerte Speicherstadt mit Ausnahme einiger Teppichlager zollrechtliches Inland und dem spektakulären Neubaugebiet der Hafen-City zugeschlagen. Inzwischen beherbergt das traditionsreiche nordöstliche Hafenviertel nicht nur Museen, Theater und Szene-Lokale, sondern auch immer mehr "New Economy" und neue Medien.

          Die Entwicklung des Hamburger Hafenbetriebs in den letzten 125 Jahren lässt sich wechselseitig an der Unternehmensgeschichte der HHLA ablesen. Oliver Driesen, gelernter Volkswirt und von Beruf Wirtschaftsjournalist, beschreibt in seiner Chronik nicht nur Innovation, Wachstum und Expansion, sondern auch Krisen, Kriege und Katastrophen.

          Erzählt wird vom dreitägigen "Großen Brand" im Mai 1842 in der Innenstadt, bei dem 51 Menschen starben und Zehntausende obdachlos wurden, ebenso vom Tod in den Cholera-Jahren 1830 bis 1910, speziell von der schrecklichen Epidemie 1892, der in nur sechs Wochen 10 000 Einwohner zum Opfer fielen. Vergleichsweise ausführlicher sind die beiden desolaten Weltkriege behandelt. Ohne Beschönigung beschreibt der Autor Hafenbetrieb und HHLA-Entwicklung zu Zeiten des Nationalsozialismus - mit Rüstungsproduktion, Zwangsarbeit und Judendeportation unter willfährigen Erfüllungsgehilfen.

          1945 lag der Hafen total in Trümmern. Niemand hätte sich damals vorstellen können, dass sich die Hansestadt wenige Jahrzehnte später zu einem der größten globalen Container-Umschlagplätze der Welt entwickeln würde. Auf den Weg in die Moderne führten gleichwohl kluge, frühe Entscheidungen. Dazu gehörte, den Hafen als offenen Tidehafen auszubauen, die Infrastruktur des Hinterlandes zu erschließen und tiefenwassernahen Lagerraum bereitzuhalten. Der definitive Einstieg ins Container-Zeitalter aber begann 1966 mit dem Ausbauplan für den Burchardkai als Containerterminal. Die Riesenbühne der geisterhaften, flinken Ent- und Belade-Ameisen auf zehn Meter hohen Stelzen ist heute der größte der drei HHLA-Terminals und wird erneut modernisiert.

          Das Ende der Ost-West-Trennung verhalf dem Hamburger Hafen und der HHLA im Kontext europäischer und globaler Geschichte endgültig zum Boom. 2008 stieg der Containerumschlag in der Elbstadt auf fast 10 Millionen Standardcontainer. Im vergangenen Jahr sank die Zahl der umgeschlagenen Boxen infolge der weltweiten Wirtschaftskrise auf 7 Millionen. Kapazität ist für die dreifache Menge, so HHLA-Chef Klaus Dieter Peters. Hoffnung wird nun auf die konjunkturelle Erholung gesetzt. Die Globalisierung gilt auch für künftige Entwicklungen als treibende Kraft.

          Driesens Buch ist gut recherchiert, spannend und flockig geschrieben, im Magazinstil opulent bebildert und mit Porträts, Interviews und einem Hafen-Glossar angereichert. Auf einer Zeitreise zum Ausklappen lässt sich im Schnelldurchgang die Seehandels-Historie des Hamburger Hafens nachexerzieren, seit Kaiser Barbarossa 1189 den Hamburgern die Handelszölle erließ.

          Kein Zweifel, die Geschichte der 125 Jahre Hamburger Hafen und Logistik AG ist hübsch verpackt und ebenso ansehnlich wie das traditionelle Stammhaus in der Speicherstadt, in dem der seit 2007 teilprivatisierte, börsennotierte Konzern bis heute residiert. Mit dieser Chronik hat sich der Jubilar, mit 55 Tochterunternehmen und 4215 Beschäftigten eines der führenden Hafenunternehmen der Welt und noch immer von Hamburg aus gesteuert, ein gelungenes Geburtstagsgeschenk gemacht.

          ULLA FÖLSING

          Weitere Themen

          Bunter Vogel Wut

          Georg Ringsgwandl im BR : Bunter Vogel Wut

          Dieser Film lohnt sich, nicht nur für Freunde des Unalltäglichen: Der Musiker und Satiriker Georg Ringsgwandl wird siebzig, und der BR lässt sich dazu etwas einfallen.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Neubauprojekte wie dieses in Berlin-Treptow schaffen neuen Wohnraum in stadtnahen Lagen.

          Wohnungsmarkt der Zukunft : Arme, Reiche und wenige dazwischen

          Das Wohnen der Zukunft wird digital – für diejenigen, die es sich leisten können. Das zumindest ist das Ergebnis einer neuen Studie. Eine soziale Spaltung würde die Städte vor neue Herausforderungen stellen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.