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Veröffentlicht: 26.07.2010, 12:00 Uhr

Die Bloomington School

Warum die Frage "Markt oder Staat?" zu kurz greift

In wirtschaftspolitischen Debatten dauert es meist nicht lange, bis die Frage aufkommt, wer in der Führungsrolle sein soll: der Markt oder der Staat. Und es dauert nicht viel länger, bis sich dann auch der erste indignierte Protest angesichts solch vereinfachender Frontstellungen regt. Beides führt meist zum raschen Abebben des Gesprächs - und damit regelmäßig in eine Sackgasse.

Ertragreicher ist es, von vornherein eine breitere und damit offenere Perspektive einzunehmen, so wie es die Vertreter der Bloomington School schon seit Jahrzehnten tun. Das umfassende institutionentheoretische Forschungsprogramm, genannt "Institutional Analysis and Development" (IAD), das die beiden amerikanischen Politikwissenschaftler Elinor und Vincent Ostrom über viele Jahre an der University of Indiana in Bloomington aufgezogen haben, macht nicht den Markt und nicht den Staat, aber das unfruchtbare Gegensatzpaar "Markt oder Staat" obsolet.

Hier geht es um das Handeln von Menschen in Gemeinschaften, um Institutionen als "gesellschaftliche Schöpfungen, die durch menschliche Vernunft und bewusste Wahlentscheidungen geschaffen werden", per Setzung oder Evolution. Es geht um die "Science and art of association", was in bewusster Doppeldeutigkeit zu übersetzen wäre als die "Wissenschaft und Kunst des Zusammen-Tuns".

Die Gegenüberstellung "Markt oder Staat" greift zu kurz, weil das "Wie" im Zentrum des Interesses stehen muss: Konkurrenz, Kooperation, Koordination. Vielfalt ist gefragt, keine holzschnittartige Polarität, wie Vincent Ostrom betont hat: "Menschliche Gesellschaften brauchen vielfältige Muster gemeinsamen Handelns." Diese Muster zu verstehen, ist Aufgabe der "Science of association". Diese ist zugleich auch Wissenschaft von Bürgerrechten und Freiheit.

Das IAD-Programm überwindet zugleich die Grenzen zwischen den sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Der Ostromsche Ansatz kommt einem Aufruf gleich, sich vom sterilen Mainstream der Ökonomie zu lösen und zugleich "unsere institutionelle und politische Phantasie zu befreien", wie Paul Dragos Aligica und Pete Boettke (beide George Mason University, Fairfax, Virginia) in ihrem schönen, überaus kenntnisreichen und theoretisch auch recht anspruchsvollen Buch schreiben: "Die Botschaft der Bloomington School ist eine Aufforderung, uns zu befreien von den intellektuellen Idolen unserer Zeit, und sie ist eine Einladung, die verschiedenen institutionellen Alternativen zu erkunden, die uns heute zur Verfügung stehen, mit Hilfe unserer Vernunft, unserer Vorstellungskraft und einer handfesten Auseinandersetzung mit der empirischen Wirklichkeit."

Die beiden politökonomisch profilierten und stark von der österreichischen Theorie der Nationalökonomie geprägten amerikanischen Wissenschaftler haben ausführliche Gespräche mit der Nobelpreisträgerin von 2009 und ihrem Ehemann geführt. Mit Fug und Recht kann der Band als autorisierte Zusammenfassung und Interpretation des IAD-Forschungsprogramms und der dahinterliegenden Vision gelten.

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