Im Frühjahr 2008 war Maria-Elisabeth Schaeffler, die „Königin der Kugellager“, wie die Wirtschaftspresse die elegante Wienerin nannte, auf die Idee verfallen, mit ihrem Unternehmen, einer mittelständisch geprägten Firma aus dem fränkischen Herzogenaurach, den Reifenhersteller Continental aus Hannover zu kaufen: ein Dax-Unternehmen, dreimal größer als Schaeffler. Ob es die Waghalsigkeit des Deals, die Ausstrahlung der großen Dame oder der bodenständige Ruf der fränkischen Firma waren: im Rückblick lässt sich nicht mehr exakt ausmachen, welche Umstände dafür verantwortlich waren, dass der Coup der Schaefflers in der Öffentlichkeit mit Sympathie, wenngleich nicht mit überschwänglicher Zustimmung aufgenommen wurde.
Übernahmen, erst recht wenn sie wie bei den Schaefflers vom Top-Management der angegriffenen Firma als feindlich empfunden werden, sind in Deutschland nicht besonders gut gelitten. Man möchte, dass die Wirtschaft am liebsten so bleibt, wie man sie kennt. Aber der Angriff der Schaefflers hatte seinen Charme: Frau nimmt Mann, David besiegt Goliath, Auto (Kugellager) passt zu Auto (Reifenhersteller). Und alles bleibt in heimischen Landen. Conti, so sieht es aus, hatte schon verloren bevor die Übernahmeschlacht eröffnet wurde.
An dieser Stelle kommt unser Mann ins Spiel. Er heißt Alexander Geiser, ist ein Deutsch-Kanadier mittleren Alters mit beeindruckender Statur und ebensolchem Selbstbewusstsein, das er mit verführerischem Charme zu verpacken weiß. Gerne bliebe er unsichtbar. „Financial Communications & Investor Relations“ nennt sich unspektakulär sein Arbeitsgebiet. Ein Dienstleister, ein PR-Mann, ein Berater, also, allerdings mit einem besonderen Auftrag: Eine Schlacht, die schon verloren schien, doch noch zu gewinnen. Und zwar mit einer Geschichte.
Geiser ist Geschichtenerfinder. Sein Job ist es, Schicksale durch Worte zu wenden. Einfach ist das nicht. Aber wenn es einfach wäre, bräuchte man Leute wie Geiser nicht, die hinterher Rechnungen stellen, die sich an den Honorarsätzen der großen Law Firms und Investmentbanken orientieren. Der Angriff der Schaefflers sei „egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos“ hatte Geiser in einer ersten Wutreaktion dem Conti-Chef zu sagen aufgetragen. Das war noch keine Meisterleistung, eher ein beleidigtes Gekläff. Doch dann kam die zündende Idee: Frau Schaeffler kämpfe nicht mit offenem Visier, ließ Geiser den Conti-Leuten ins Drehbuch schreiben. Feige angeschlichen habe sich der die Dame aus Franken, sich im Schatten der Intransparenz mit ausreichend Aktien eingedeckt, die dem Übernahmeopfer jetzt einzig noch die Kapitulation erlaube.
Damit war die Geschichte auf einer moralischen Ebene: David gegen Goliath, schön und gut, das ist sportlich. Aber nur solange David sich mit seiner kleinen Steinschleuder offen den Philistern zu erkennen gibt. Eine Mittelständlerin, die sich des Nachts anschleicht und Aktien einsammelt ohne ihre wahren Absichten kundzutun: Das ist nicht in Ordnung. Da ist keine Waffengleichheit. Geisers Schachzug entmachtet die gute Geschichte von David gegen Goliath und ersetzt sie durch die böse Geschichte vom feindlichen Überfall in der Nacht. „Nur deshalb konnten wir uns nicht wappnen und auf Augenhöhe reagieren“, ließ Geiser den Conti-Chef öffentlich sagen. Kein Fair Play.
Der Angegriffene steht nackt und schutzlos da: Ein Dax-Unternehmen muss sich der Öffentlichkeit und seinen Aktionären gegenüber bis unters Hemd entblößen. Ein Familienunternehmen unterliegt nicht der Publizitätspflicht, braucht keine Auskunft zu geben über seine Ziele und Strategien. Geiser lässt den Teufel an die Wand malen: Schaeffler, wirtschaftlich längst angeschlagen, würde am Ende nicht nur sich selbst, sondern auch Conti (und alle seine Beschäftigten) mit den Abgrund reißen.
Der Erzähler hat seine Sache gut gemacht. Seine Geschichte übermalt die alte Geschichte. Plötzlich drehten sich die Sympathien. Der Erzähler bewirkt die Katharsis. Aus der Bewunderung für den kleinen Angreifer wird Mitleid mit dem großen, aber getäuschten Angegriffenen. Geiser war es nicht allein: Die Finanzkrise hatte ihn damals, im Sommer 2008, mit einer Kreditklemme nach Kräften unterstützt; Frau Schaeffler stand das Wasser bis zum Halse. Aber Geisers Erzählung hatte die Meinung der Öffentlichkeit gedreht. Das lässt er keinen spüren. Er redet gerne vom Team, gönnt den Erfolg seinem Kunden, den Contis, bleibt bescheiden, smart. Als Autor der Erzählung wird er nirgends genannt. Es spricht der CEO. Und der CEO muss von Fakten sprechen, darf nicht verraten, das er seine Rolle bei einem professionellen Fabulierer gelernt hat.
Im März 1957 erschien im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ ein Text von Hans Magnus Enzensberger über „Die Sprache des Spiegel“. Darin weist der junge Lyriker nach, dass der „Spiegel“ sein Versprechen nicht einlösen kann: Der Spiegel ist kein „Nachrichtenmagazin“.
Was aber dann? „Der Spiegel“, schreibt Enzensberger, „besteht vielmehr aus einer Sammlung von Storys, Vermutungen, Spekulationen, Klatschgeschichten.“ Aber eben nicht aus Nachrichten. Enzensberger weiß, warum die Erzählung der Nachricht vorgezogen wird. Eine Story hat einen Anfang und ein Ende, sie bedarf einer Handlung und vor allem eines Helden: Denn „nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch“. Die Story ist nicht nur unterhaltsam, sondern „nimmt dem Leser auch die synthetisierende Arbeit ab, indem sie den Stoff für ihn zerkleinert und zu einem eingängigen Ganzen ordnet“. Deshalb, so Enzensbergers Schlussfolgerung, müssten jene 91 Prozent der Leser, die bei einer Umfrage der Meinung waren, der „Spiegel“ sei objektiv, einer Täuschung erlegen sein: „Objektivität ist ein Kriterium, das auf die Story schlechterdings nicht anwendbar ist.“
Enzensberger war damals, 1957, einer der ersten, der die narrative Struktur, das Konstruierte der Wirklichkeit im öffentlichen Diskurs erkannte: Wahrheit wird von Menschen (Journalisten) gemacht und nicht von der „Realität“ abgekupfert. Der Dichter meinte damals freilich noch, dass es ein von der Story Unterscheidbares gebe, die Nachricht eben, das brutum Faktum. Dabei hätte gerade der Dichter wissen müssen, dass das eine Illusion ist. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit – wonach erst das Faktum, dann ihre Nachahmung in Journalismus, Belletristik oder Literatur kommt – ist selbst eine Fiktion.
Die Wirklichkeit, selbst die sogenannte „Realwirtschaft“ ist nichts als eine Story. Die Wahrheit, sagt der 1998 verstorbene amerikanische Philosoph Nelson Goodman ist alles andere als eine erhabene und gestrenge Herrin; sie ist eine gefügige und gehorsame Dienerin. Einzig das Subjektive ist das Objektive. Vorurteile, Gerüchte, Unterstellungen: all das taugt zum hermeneutischen Material. Nur daraus erfahren wir, wie wir die Welt zu sehen haben.
Die am besten verkaufte Story gewinnt
Leute wie Alexander Geiser wissen, dass alles auf die richtige Erzählung ankommt. Dass aber keinesfalls verraten werden darf, wie narrativ die Wirklichkeit ist. Siegen wird, wer die strategisch überlegene Story hat und sie mit Absolutheitsanspruch verkaufen kann. Für eine gelungene Erzählung braucht es stets Kasper, Tod und Teufel. Das ist auf dem Jahrmarkt der Kinderbuden nicht anders als in der Welt des großen Geldes. Für seine Kunden hat Geiser die Rolle des Kaspers reserviert: der Held, der Gute. Das erst lässt den Mann sein Geld wert sein. Er fertigt jene Mythen des Alltags, die – nach einem Wort von Roland Barthes – „weder Lüge noch Geständnis“ sind, sondern lediglich „eine Abwandlung“ vornehmen. Mit ein bisschen Abwandlung lässt sich aus der cleveren die feige Heldin machen. Eine Lüge ist das nicht, nur ein gelungener Kniff des Erzählers.
Überschätzen wir den Mann? Ja und nein. Natürlich ist Geiser einer unter vielen in einer neuen Wirtschaftsbranche professioneller Geschichtenerzähler. Aber er ist der Beste. Das zumindest hat das Fachblatt „Mergermarkets“ gerade festgestellt. Acht Jahre in Folge schon führt Geisers Firma das Ranking der auf Fusionen und Übernahmen spezialisierten PR-Unternehmen. Seit 2004 war man an über 200 Deals mit über 30 Milliarden Dollar Transaktionsvolumen beteiligt. 160 Leute arbeiten inzwischen für die Firma.
Zum Erzähler wurde Geiser eher nebenbei. Studiert hat er Betriebswirtschaft, irgendwo in den Weiten Ontarios, wo man sich mit Zahlen und Bilanzen, aber nicht mit Storys auskennt. Wo man noch meint, Wirtschaft sei die Realität und Literatur sei die Fiktion. Dabei steckt in Wirtschaft nicht weniger Fiktion als im Don Quijote oder Ulysses. Bloß, dass Handlungsverlauf und Rolleninventar der Wirtschaft in aller Regel dem simplen Kasperlespiel der Jahrmärkte mehr ähneln als Cervantes und Joyce. Geiser interessiert sich nicht für Literaturtheorie. Aber er hat bei den Ahnen der Branche – Hill & Knowlton, Burson/Marsteller – das Einmaleins der Kommunikation gelernt: da weiß man, dass die Leute nie mehr als sieben Dinge sich merken können und dass sie sich alles besser merken, wenn man ihnen eine gute Geschichte erzählt.
Heute steht Alexander Geiser vor der bisher größten Herausforderung seiner Karriere. Er muss den Wechsel von Josef Ackermann zu Anshu Jain bei der Deutschen Bank erzählen. Bisher ist Geiser immer alles gelungen. Ob ihm die Deutsche Bank gelingt, ist offen. Am 1. Juni tritt Jain an.
Aber die Erzählarbeit für Geiser hat längst begonnen, längst bevor Ende Januar 2012 unter der Überschrift „USA gegen Deutsche Bank“ eine Magazingeschichte erschienen war über den künftigen Bankchef und über „dubiose Geschäfte der Bank in Amerika“, für die Jain die Verantwortung trage. Gierige Investmentbanker der Deutschen Bank sollen bei milliardenschweren Geschäften mit Immobilienkrediten ihre Kunden betrogen, belogen und geprellt haben, sich selbst aber auf deren Kosten bereichert und dabei, hässlicher Nebeneffekt, auch noch die Weltfinanzkrise befeuert haben.
Der Held dieser bösen Geschichte ist der Anshu Jain. Kasper, Tod oder Teufel: Jain hat erkennbar die Teufelsrolle zugeteilt bekommen. Seine Verantwortung für die amerikanischen Machenschaften bleiben im Unklaren. Ob er von den verwerflichen Praktiken in Amerika wusste, kann die Story nicht klären. Das macht nichts, denn er eignet sich zum Helden, weil „nichts interessiert den Menschen so sehr wie der Mensch“ (Enzensberger), zumal dieser Mensch bald für alle Deutschen interessant wird.
Es muss passen
Alexander Geiser war schon von Jain mandatiert (wie die PR-Leute sagen), als die Geschichte über den bösen Investmentbanker in die Welt kam. Sie kann ihm nicht gepasst haben. Er konnte sie nicht verhindern. Und es ist nicht die einzige Geschichte, die ihm nicht gepasst hat. Ein halbes Jahr früher schon hatte es schon einmal eine große Story über Jain gegeben. Hier war Jain nicht in der Rolle des gierigen Investmentbankers, sondern in der des fremden Inders plaziert worden.
Es wurde erzählt, wie der künftige Chef der Deutschen Bank, 1963 als Sohn eines Beamten in Jaipur geboren, in Indien ganz traditionell aufwuchs. Wie der Name Jain auf die Religion und die Glaubensregeln ihres Gründers Mahavira verweist, eine Religion, deren Grundprinzip „Aparigraha“ laute: „mache Dich unabhängig von unnötigem Besitz“. Anshu Jain, der Banker aus London, trägt in dieser Geschichte ein knielanges Festgewand und einen weißen Turban: „Er muss wie ein junger Maharadscha ausgesehen haben.“ Wie man sich in Hamburg, Düsseldorf oder Frankfurt im Jahr 2011 einen jungen Maharadscha vorstellt.
Ein gieriger Investmentbanker, der kein Deutsch spricht, eine fremden Religion anhängt, deren Grundsätze („mache Dich unabhängig vom Besitz“) er mit seinem Beruf Lügen straft, stößt auf ein nicht erst durch die Finanzkrise sensibilisiertes Deutschland, wo Deutschbanker Patrioten zu sein haben und täglich demutsvoll bekennen müssen, dass sie nichts als der „Realwirtschaft“ dienen wollen.
Geiser ist gefordert, er muss die Geschichte „abwandeln“ (Roland Barthes), ohne Glaubwürdigkeit zu verlieren. Glaubwürdigkeit aber erheischt der Erzähler nicht durch Annäherung der Story an die Wirklichkeit, sondern durch Widerspruchsfreiheit. Der indische Investmentbanker darf nicht plötzlich den deutschen Sparkassenbeamten in sich entdecken. Das wäre zu dick aufgetragen, das würde ihm keiner abnehmen. Aber Geisers Jain muss wissen, dass nach der Finanzkrise Bescheidenheit von ihm erwartet wird, dass er die Rolle des deutschen Heimatmarktes herausstreichen und sich für eine Stärkung des Bankeneigenkapitals einsetzen muss. Und dass er finden muss, dass die deutsche Bundeskanzlerin in der Eurokrise einen prima Job macht. Geiser kann die gängigen Jain-Geschichten dementieren, er darf sie korrigieren, aber er darf keinesfalls nur munter fabulieren. Es muss passen.
Die Deutsche Bank erzählbar machen
Geiser war schon weit gekommen (nachprüfbar in den plötzlich gewandelten sympathischen Geschichten, die über Jain in deutschen Medien erschienen): Jain lerne deutsch, seine Frau, eine Kinderbuchautorin und Reisejournalistin, richte schon die Frankfurter Wohnung und sein neuer Risikovorstand solle ein besonders vorsichtiger Banker aus protestantischem Pfarrhaus werden, der den Spitznamen „Dr. No“ trage - also das Gegenteil eines Hasardeurs. Alles O-Ton Geiser, hatte doch kein Finanzjournalist den „Dr. No“ je zu Gesicht bekommen, weshalb die Geschichten umso dankbarer aufgenommen wurden (wie immer, ohne Geiser zu nennen).
Doch wenn es um die Deutsche Bank geht, sind viele Erzähler unterwegs. „Anshus Army“, also wieder die bösen Investmentbanker aus der Londoner City, schickten sich an, die braven Mannen der Frankfurter Twin Towers zu unterjochen, hieß es. In der Bild-Zeitung war aus unsichtbarem Anlass zu lesen, Ackermanns Getreue müssten deshalb das Haus verlassen. Da war er wieder, der gierige, machthungrige, aggressive Inder. Geiser tat alles, „Anshus Army“ zu entmilitarisieren, die Jungs als nette Banker von nebenan zu schildern, die nichts als das Wohl der deutschen Wirtschaft im Sinn haben. Aber die Metaphern („Armee“) ließen sich nicht so leicht austauschen. Eine Katharsis durch Erzählung hat Geiser noch nicht erreicht, zumal „Dr. No“, Geisers vollendetes Geschöpf, keine sieben Tage später bei der deutschen Finanzaufsicht durchgefallen war: „Fehlstart für Ackermanns Nachfolger“ titelte der Focus, was eigentlich hätten heißen müssen: „Fehlstart für Geiser“.
Mit seinen Worten
Hinter den bösen Metaphern wittern Geisers Leute den scheidenden Bankchef Josef Ackermann. Zuzutrauen wäre es ihm, gewiss: Er hat nichts mehr zu verlieren, aber er hat schon viel verloren. Denn Jain war nicht sein Mann. Auch Ackermann hat einen Geiser.
Noch ist der Mythenkampf für Geiser nicht verloren. Der Sieg ist noch nicht verspielt. Der alte König (Ackermann) hat den schlechteren Platz, er kann destruieren und Erde verbrennen. Der Neue hat den Aufbruch bei sich. Wer es mit ihm sich nicht verderben will, darf sich nicht gegen ihn stellen. Das hat Jain bereits unter Beweis gestellt und sollte jedem zur Warnung dienen.
Geiser bastelt noch an der ultimativen Geschichte für Anshu Jain, seine Initiation in Deutschland. Eine Rede, ein Interview. Jain muss selbst sprechen. Mit Geisers Worten. Das hat er bisher noch nicht getan.
Es ist doch interessant, mit welchen Auszeichnungen sich die Truppe von
Herrn Geiser auf ihrer ...
Andreas Hendel (hendela)
- 16.04.2012, 11:55 Uhr
Wie Natur der Wahrheit wirklich ist,
Lukas Werth (lukaswerth)
- 16.04.2012, 08:21 Uhr
Schöne Geschichte
Otto Anormal (Spaetroemer)
- 16.04.2012, 02:53 Uhr
Oh, The Irony
Peter Braun (P.K.Braun)
- 15.04.2012, 23:58 Uhr
Wirtschaft als Fiktion
Klaus Moll (diagonal)
- 15.04.2012, 23:25 Uhr