17.07.2003 · Deutschlands neue Superstars: Die Popband „Wir sind Helden“ hat einen rasanten Aufstieg hingelegt. Sie schaffen es, gleichermaßen als Avantgarde gefeiert zu werden und beim Mainstream anzukommen.
Von Jörg ThomannMan traut sich eigentlich gar nicht mehr, diese Band zu loben. Zum einen, weil man damit etwas spät kommt, zum anderen, weil man lieber nichts zu ihrem fürchterlichen Absturz beitragen möchte - denn der droht in diesem Land noch jedem, der kurz zuvor erst in schwindelerregende Höhen gejubelt wurde. Und sehr viel höher als die Gruppe „Wir sind Helden“, deren Debütalbum „Die Reklamation“ soeben erschienen ist, kann man im Grunde gar nicht mehr kommen.
Es begann mit einem Lied namens „Guten Tag“, das die zur Mehrzahl aus Berlin stammende Band in Heimarbeit veröffentlichte, ohne einen Plattenvertrag zu besitzen, und das seinen Weg über diverse Radiosender bis zu Viva und MTV schaffte. Auch Harald Schmidt bekam den Song zu hören, und weil dessen Sängerin, die sich Judith Holofernes nennt, jung, charmant, hübsch und gescheit ist, lud er sie in seine Sendung ein; ihre drei männlichen Mitmusiker durften die Frontfrau vom Fernsehsessel aus betrachten. Via Schmidt wurden dann die Feuilletons auf „Wir sind Helden“ aufmerksam, und als nun endlich das Album zur Single herauskam, war dies sogar den „Tagesthemen“ einen Beitrag wert. „Die Reklamation“ schoß von null auf Platz sechs in den deutschen Albumcharts: So schnell kann es gehen, daß eine Band, die als avantardistisch gefeiert wird, im Mainstream landet.
Dressierte Affen
Wie ist dieser sagenhafte Erfolg zu erklären? „Ich glaube, daß wir die richtige Band zur richtigen Zeit sind“, hat Judith Holofernes gesagt. „Wir sind Helden“: Das klingt nach einem Spruch jener unsäglichen Motivationstrainer, die uns in den Boom-Jahren allesamt zu Höchstleistungen anstacheln wollten, kurz darauf aber selbst rasante Abstürze hinlegten, die bei manchem von ihnen direkt ins Gefängnis führten. Der Selbstausbeutung als oberstem Gebot, der Karriere um jeden Preis erteilen „Wir sind Helden“ eine musikalische Absage. „Muß ich immer alles müssen, was ich kann?“, fragt Holofernes in der zweiten Single „Wir müssen nur wollen“, und: „Ist dieses Morgen denn ein Leben ohne Heute wert?“ Der Song ist eine mitreißende Verweigerungshymne, in der sich die Startup-Doktrin „Wir können alles schaffen“ auf „dressierte Affen“ reimt. Die nette Pointe ist, daß „Wir sind Helden“ sich der Dressur entzogen und es dennoch geschafft haben.
Die „Klassensprecherin der Nation“ wolle sie nicht sein, hat Judith Holofernes beteuert, doch sie ist auf dem besten Wege dazu. Sogar der SPD-„Popbeauftragte“ Sigmar Gabriel, den die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung im Juni zusammen mit der Band zu einem Gespräch über die deutsche Musikszene lud, hat es bemerkt: „Ein relevanter Teil Ihrer Generation reagiert auf Sie.“ Die „Helden“ hätten den Protestsong neu erfunden, heißt es, doch ist dieser Protest auf eine Weise formuliert, die niemanden vor den Kopf stößt. Bevor Judith Holofernes und ihre Bandkollegen Pola Roy, Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette protestieren, sagen sie erstmal freundlich „Guten Tag“ - und nennen gleich das ganze Lied so. Sie sind so nett und wohlerzogen, daß man das fast schon wieder als Provokation empfinden kann - jedenfalls wenn man, wie die Kritikerin der „Zeit“, sich unter Protest noch etwas ganz anderes vorstellt und in Holofernes' „Ringel-T-Shirt-Erscheinung“ das Zeichen einer „konservativen Revolution“ erblickt.
Vorsicht vor dem Monster
Dagegensein ist kein Wert an sich, und man würde „Wir sind Helden“ nicht gerecht, wollte man sie auf diese Haltung reduzieren. Statt platter Parolen setzt die Band auf pointierte, leicht piksende Konsumkritik, doch sie hat noch mehr zu bieten. Der Song „Die Zeit heilt alle Wunder“ faßt in schmerzlich wahre Worte, wie es dem Menschen ausgetrieben wird, die Welt mit Kinderaugen zu sehen, „Monster“ erzählt zwischen den Zeilen von der Hoffnung, vom Partner auch mit seinen dunklen Seiten geliebt zu werden, und „Aurélie“ ist ein nettes, kleines Stück über die Irritation einer jungen Französin über das undurchschaubare Balzverhalten deutscher Männer.
Musikalisch bekennen sich „Wir sind Helden“ zu den Achtzigern und der Neuen Deutschen Welle, für deren Revival schon Inga Humpes Einzug in die „2Raumwohnung“ und die Wiederentdeckung Nenas stehen. Wer „Wir sind Helden“ hört, der fühlt sich an die New Wave erinnert, an „Ideal“ vor allem, an die Balladen Rio Reisers, aber auch an Independent-Rocker wie die „Pixies“.
Treibende Kraft
Die Seele und die treibende Kraft bei „Wir sind Helden“ ist ohne Zweifel Judith Holofernes. Von ihr stammen die meisten Kompositionen sowie sämtliche der mal naiv-versponnenen, mal altklug-weisen, mal fröhlichen und auch bitteren Texte, deren Hintersinn sich dem Hörer oft erst dann erschließt, wenn er das, was Holofernes atemlos herausgestoßen hat, in Ruhe nachliest. Von sanft über schnoddrig bis schneidend scharf und schrill beherrscht die Sängerin alle Tonlagen. Natürlich war es nicht nett, aber vielleicht auch nicht ganz instinktlos von Harald Schmidt, sich nur für Judith Holofernes und nicht für die drei anderen interessiert zu haben.
Mit einem gewissen Bangen fragt man sich, wie es wohl weitergehen mag mit den „Helden“, die dem Ruhm nun nicht mehr ausweichen können. Wird „Bild“ Judith Holofernes auf ihrer Titelseite als neues deutsches Sexsymbol feiern? Werden die Boulevardsender sie zu Homestories drängen? Wird man kein Feuilleton mehr lesen können, ohne in jedem zweiten Text auf versteckte Zitate aus „Wir sind Helden“-Songs zu stoßen? Kurz: Wird man bald völlig genervt sein von dieser Band, ohne daß sie selbst sehr viel dafür könnte?
Die „Helden“ werden sich, soweit es ihnen möglich ist, verweigern. Und wie eine düstere Vorausahnung klingt es, wenn Judith Holofernes in dem eindringlichen Song „Denkmal“ - einem der besten Lieder des Albums, das melodisch ein wenig an den „Pixies“-Klassiker „Where Is My Mind“ erinnert - die Zeilen singt: „Sie haben uns ein Denkmal gebaut, und jeder Vollidiot weiß, daß das die Liebe versaut“. Im Lied greift Holofernes zum Vorschlaghammer, und im wahren Leben hat die Band schon angekündigt, sich nicht festzementieren lassen zu wollen. „Mit großer Sicherheit“, so der Schlagzeuger Pola Roy, „werden wir in einem Jahr keinen Bock mehr haben, so zu sein, wie wir heute sind.“ Auch Helden sehen sich gelegentlich gezwungen, die Flucht zu ergreifen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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