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Veröffentlicht: 06.02.2014, 16:01 Uhr

„Wir bestaunen und bewundern“ Wolf Biermann ermutigt Klitschko in offenem Brief

Der Liedermacher und einstige DDR-Bürgerrechtler Wolf Biermann hat dem ukrainischen Oppositionspolitiker Vitali Klitschko in einem persönlichen Brief Mut zugesprochen. Das Schreiben hat zahlreiche prominente Mitunterzeichner.

© dpa Experte für Freiheitskämpfe: Wolf Biermann

Lieber Vitali Klitschko,

weil wir Sie kennen und schätzen, senden wir Ihnen persönlich ein paar Worte der Ermutigung an all die Menschen, die jetzt in der Ukraine für wahre Demokratie und gegen die falsche, die „lupenreine Demokratie“ à la Putin und Janukowytsch, so tapfer kämpfen.
Auf vielen Kontinenten tobt der ewige Freiheitskampf, der seit Generationen in immer neuen Kostümen und historischen Kulissen ausgefochten wird. Aber die Ukraine ist hier in Europa unser Nachbar, und also berührt dieser Streit viel direkter auch unsere eigenen Interessen und unser Schicksal.

Heinrich Heine - der wohl deutscheste all unserer großen Dichter - schrieb im französischen Exil, in Paris des Jahres 1851, seine politische Lebensbilanz „Enfant Perdu“. Der Poet nennt sich da ein verlorenes Kind und zugleich einen treuen Kämpfer im ewigen Freiheits-Krieg.
Dieser Krieg um Freiheit und um die Freiheiten ging immer wieder verloren, und er wurde trotzalledem immer neu gewagt, in wechselnden Zeiten der Menschheitsgeschichte.

In diesen Tagen tobt der Freiheitskrieg in der Ukraine - und nicht nur auf dem Majdan-Platz in Kiew. Wir Deutschen erleben diesen Kampf nur am Fernsehapparat, so wie sonst Ihre Boxkämpfe. Wir bestaunen und bewundern, dass dieser ukrainische Weltmeister mehr kann als mit den Fäusten sprechen. Bitte wirken Sie weiter - als Patriot der Ukraine und zugleich Europäer - im Sinne einer völkerverbindenden  „Bridge over Troubled Waters“. Und übermitteln Sie bitte Ihren Freunden in Kiew diese erste Strophe des Heine-Gedichtes: 

Enfant Perdu

Verlorner Posten in dem Freiheitskriege,
Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus.
Ich kämpfte ohne Hoffnung, daß ich siege,
Ich wußte, nie komm ich gesund nach Haus.

Aber vollenden Sie diesen Vers heute in der ukrainischen Wirklichkeit weniger pessimistisch als damals unser exilierter Poet in seinem Gedicht. Sie stehen ja zum Glück nicht auf verlorenem Posten.

Anti-government protests in Ukraine. © dpa Vergrößern Vitali Klitschko im ukrainischen Parlament

Wir hoffen mit Zorn und Bangen, dass die Hoffnung auf einen unblutigen Sieg Ihnen und Ihren Freunden in Kiew nicht verloren geht. Alle, sogar auch die missbrauchten Polizisten des diktatorischen Regimes, sollen, anders als im Heine-Gedicht, wieder gesund nach Hause kommen.

Wolf Biermann, am 04. Februar 2014

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