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Veröffentlicht: 01.04.2014, 14:34 Uhr

Winter ade? Frühlingswirren

Enden kann nur, was dagewesen ist. Deshalb lässt uns eine Frage schier verzweifeln: Wer weiß, in welcher Jahreszeit wir uns befinden?

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© dpa Frühling oder Winter? Diese Kirschblüte wurde im Januar in Hamburg aufgenommen.

Der Frühlingsanfang, der vor gut zehn Tagen war, ist ein astronomisches Datum und geht uns insofern nichts an. Wir leben schließlich nicht im Universum, sondern im Taunus. Die Zeitumstellung, die kurz darauf erfolgte, als politisch veranlasste deutsche Jahreszeitmarkierung betrifft uns schon mehr. Aber die heißt „Sommerzeit“ und geht insofern den Frühling nichts an.

Jürgen Kaube Folgen:

Der sogenannte meteorologische Frühlingsanfang war schon am 1.März und dient den Vereinten Nationen, die ihn festgelegt haben, zu Zwecken des weltweiten Klimavergleichs. Ist uns also auch zu abstrakt.

Anderthalb Stunden Winter

Schließlich aber gibt es noch den „phänologischen“ Frühlingsanfang, der mehr an die Selbstdatierung der Natur anschließt, vom Blühbeginn der Schneeglöckchen (Vorfrühling) bis zu dem der Apfelbäume (Vollfrühling), die für die Oberrheinische Tiefebene um den 20.April erwartet wird. Haben wir im Taunus also noch ein wenig Zeit. Hätten. Denn tatsächlich muss etwas ja, um anfangen zu können, vorher erst einmal nicht dagewesen sein.

Klassisch ist hier die Unterscheidung von Frühling und Winter. Frühlingsanfang gleich Winterende. Kulturgeschichtlich eine wichtige Zäsur, derenthalben Fastnacht ausbricht, das Julfest und die Wintersonnenwende begangen werden, solche noch viel frühere Feiern des herbeigesehnten Winterendes.

Raureif in Mecklenburg © dpa Vergrößern Diese Blüte hat der Winter doch noch erwischt: Die Blutpflaume in Mecklenburg-Vorpommern ist bei minus fünf Grad mit Raureif überzogen.

Aber kann uns jemand mal sagen, wann in diesem Jahr, in der Oberrheinischen Tiefebene oder auch im Taunus, Winterende war? Denn um enden zu können, muss etwas doch erst einmal dagewesen sein. Wie viel Winter war denn heuer? Wenn man ihn am Schnee erkennen will, vielleicht gefühlte anderthalb Stunden? „Zahl der Eistage: 3“, meldet die Wetterzentrale Bad Schussenried als zeithistorischen Tiefststand, und Bad Schussenried liegt, oberrheinisch betrachtet, ähnlich wie der Taunus: praktisch in Sibirien.

Puren Hohn empfinden unsere Kinder darum, wenn ihnen aus den Liederbüchern „Winter ade“ entgegenkommt, schiere Verzweiflung, wenn man ihnen die Wetterlage in Lönneberga, Saltkrokan und Bullerbü vorliest. Ein Jahr ohne Winter? Anthropozän, ist das dein Ernst? „Scheiden tut weh“, die Ironie ist schal geworden.

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