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Win-win : Mut zum Nichts

Man muss sich das mal durch den Kopf gehen lassen: Vorausgesetzt, es bleibt bei dem befürchteten einen Drittel Nichtwähler am 22. September, dann würde die Partei der Nichtwähler zweitstärkste Kraft.

          Eines muss man der Partei der Nichtwähler (PDN) lassen: Sie fordert unseren Scharfsinn heraus. Von welcher anderen Partei ließe sich das behaupten? In der Regel wirbeln vor der Wahl Vorwürfe wie „Lüge“ und „Wählertäuschung“ durch die Arena, und hinterher gibt es eigentlich nur noch gebrochene Versprechen zu beklagen - fertig ist die Laube namens „Politik“. Hingegen die PDN: Sie hat zwar ein Programm mit vertraut wirkenden Forderungen (mehr direkte Demokratie und diese Dinge), lässt aber gerade dadurch im Oberstübchen noch Raum für Erwägungen, die man nicht als Taschenspielereien abtun sollte, die im Grunde sogar auf das Problem „Sein oder Nichtsein?“ führen.

          Wer es lieber eine Nummer kleiner hat, lege sich folgende Frage vor: Kann man eine „Partei der Nichtwähler“ überhaupt wählen? Man kann, natürlich. Die Tatsache, dass sie selbst aus Nichtwählern zu bestehen scheint, bedeutet ja nicht, dass Wähler, die nicht in dieser Partei sind, sie nicht doch wählen können. Selbst wenn sie „Nicht wählbare Partei“ oder so hieße, änderte das daran nichts. Man sieht: Das Nichts nichtet ganz gehörig. Und jetzt wird es interessant; denn im Nu landet man, während man die Reize der formalen Logik zu kosten beginnt, bei einer knallhart ontologischen Fragestellung, zu der die besten Denker das Ihre gesagt haben: Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Mit anderen Worten: Auf den PDN-Plakaten grinst uns die Fratze des Nihilismus an.

          Die Sachlage ist dabei folgende: Wenn eine Partei der Nichtwähler existiert, dann kann sie auch gewählt werden (es sei denn, wie dies schon einmal vorkam, der Wahlleiter entzieht ihr die Lizenz); aber sie kann auch nicht gewählt werden. Das hat sie mit allen anderen Parteien gemein. Aber bei ihr kommt noch eine Aporie hinzu, die den anderen eigentlich zu denken geben müsste: Vorausgesetzt, es bleibt bei dem befürchteten einen Drittel Nichtwähler am 22. September, dann würde die PDN zweitstärkste Kraft, vielleicht sogar, wenn Merkel irgendwie noch schlapp oder einen Fehler macht, stärkste - und das, obwohl sie wahrscheinlich nur von ganz wenigen Menschen gewählt wird! Denn ob sie nun gewählt wird oder nicht - die PDN wird gewählt. Eine lupenreine Win-win-Situation. Wir sollten uns darauf einstellen: Die Nichtwähler (wie die Partei auch genannt wird) kommen auf fünfunddreißig Prozent. Eleganter, müheloser ist noch niemand an die Macht gekommen. Und wodurch? Durch Mut zum Nichts. Genial.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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