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Wim Wenders auf dem Oscar-Weg Wuppertal in Hollywood

Der deutsche Regisseur Wim Wenders ist mit „Pina“ für den Oscar in der Kategorie Bester Dokumentarfilm nominiert. In der Woche vor der Verleihung sucht Frau Wenders noch ein Kleid. Und der Meister macht Wahlkampf. Ein Ortstermin.

© Eleonora Ghioldi Vergrößern Erst links, dann rechts, dann geradeaus, dann kommst sicher du nach Haus – auch wenn am Ende kein Oscar wartet

Noch eine Woche bis zum Oscar. Wir sitzen bei The Coffee Bean and Tea Leaf, trinken Espresso und grünen Tee mit Sojamilch aus Pappbechern und beobachten, wie die Limousinen gegenüber vorfahren. Es ist gegen drei Uhr nachmittags an jenem kühlen Sonntag eine Woche vor der Oscarverleihung, und Wim Wenders wartet darauf, dass seine amerikanische Pressebetreuerin Fredell ihn anruft, um zu sagen, er solle sich in Bewegung setzen. Fredell ist dafür zuständig, dass Wenders weiß, was er zu tun hat, dass er abgeholt und dorthin gebracht wird, wo er erwartet wird, dass ihn niemand stört, wenn er allein sein will, dass er einen Tisch bekommt dort, wo er essen möchte, und dass alles klappt, auch wenn er seine Meinung ändert.

Sie schätzt es, dass Wenders seinerseits ständig mit ihr in Verbindung bleibt. Lange schon betreut sie Stars aus der Welt des unabhängigen Films, es ist ein Job, in dem die Talente eines Babysitters, Abschirmdienstes und sanften Einpeitschers zusammenlaufen, wenn etwas Charme dazukommt wie bei ihr, umso besser. Fredell hatte, als wir schon im Auto saßen, angerufen, um uns zu bitten, noch irgendwo einen Kaffee trinken zu gehen. Die Sache verzögere sich.

Wahlkampfzeit

Die Sache, das war die Preisverleihung der Writer’s Guild, der Autorengewerkschaft, die Wenders für „Pina“ in der Kategorie „bestes Drehbuch eines Dokumentarfilms“ nominiert hatte. Wenders findet das erstaunlich, gerade bei diesem Film sei das Drehbuch nicht so wichtig gewesen, dennoch geht er natürlich hin. Aber er erwartet nicht zu gewinnen. Tut er auch nicht. Außerdem ist Wenders ein höflicher Mensch. Woody Allen, der einen Preis gewonnen hat, ist nicht gekommen.

Es ist noch Wahlkampfzeit für die Oscars. Die Abstimmung, bei der die mehr als sechstausend Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences ihre Voten für die Oscars abgeben können, endet am Dienstag. Allerdings ist das Reglement für die Dokumentarfilme kompliziert, es könnte knapp werden, wenn Wenders jetzt noch jemanden zur Stimmabgabe für „Pina“ animieren wollte. Erstens stehen die Dokumentarfilme nicht auf dem allgemeinen Abstimmungsbogen, vielmehr muss ein gesonderter Wahlzettel bei der Academy erst angefordert werden. Zweitens muss jeder, der in dieser Kategorie abstimmt, alle fünf nominierten Filme im Kino gesehen haben. Wenn einer am Sonntag erst damit anfängt, wird er das bis Dienstag kaum geschafft haben. Manchmal stimmen deshalb in dieser Kategorie nur zweihundert Leute ab, weniger waren es auch schon mal. Trotzdem überlegt Wenders, wen er noch anrufen und um seine Stimme bitten könnte.

18699754 © Eleonora Ghioldi Vergrößern Wim Wenders am Sunset Boulevard

Wir sitzen also vor unseren Pappbechern und haben den besten Blick auf das Geschehen gegenüber, während unser Fahrer um die Ecke geparkt hat und wartet.

Die Autorengewerkschaft feiert im Palladium, einer Tanzhalle aus den Vierzigern. Der Haupteingang am Sunset Boulevard mit seiner geschwungenen Fassade und den vertikalen Neonleuchten ist immer noch ein kleines Schmuckstück der Stromlinienform, der Seiteneingang am El Centro, auf den wir blicken, wirkt weniger prächtig. „Venue for rent“ steht unter der Regenrinne, Schilder mit dem Logo der Autorengewerkschaft verdecken die mittelbraune Wand hinter dem roten Teppich. Es ist eine Black-tie-Veranstaltung, also ist Wenders im Smoking gekommen, seine Frau Donata im langen Kleid mit einem langen Arm, über den anderen hat sie einen Handschuh bis zum Oberarm gezogen. Wir dürfen zu Fuß kommen.

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