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Fotograf William Klein : Belichter der Großstadt

Und die Modefotografie hat er auch revolutioniert: Ausstellung in Hyères. Bild: Picture-Alliance

Einmal Rebell – immer Rebell! William Klein, dem Erneuerer der Fotografie, zum neunzigsten Geburtstag.

          Die Retrospektive bei c/o Berlin im vergangenen Jahr war die größte Ausstellung, die man ihm in Deutschland je gewidmet hat. William Klein besuchte sie im Rollstuhl. Im Schoß hatte er einen Fotoapparat liegen, mit einem auffällig langen Teleobjektiv, als wollte er damit zeigen: Wenn ich mich nicht länger in die Massen stürzen kann, dann ziehe ich sie eben optisch zu mir heran. Dann nannte er die Kamera „an extension“, eine Verlängerung seines Empfindens für seine Umgebung – geradeso, als handelte es sich um ausgestreckte Finger. Was keineswegs als Handreichung gemeint gewesen sein dürfte, sondern eher als Griff hinein ins volle Menschenleben: zupacken, erbeuten, erlegen. Fotografen sind Jäger.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Die Geschichte der Fotografie kennt nicht viele Zäsuren. Die meisten beschränken sich auf technische Veränderungen. Aber wenn auch Apparate kleiner wurden oder Filme lichtempfindlicher, man heute mit dem Handy seltener telefoniert als fotografiert und die Fotografie in gewisser Weise immer demokratischer wurde, hat all dies im Laufe von mehr als hundertfünfzig Jahren nur einen geringen Einfluss auf die Motive genommen. Denn für eine neue Ästhetik, eine neue Sicht auf die Welt braucht man keine neue Technik, sondern einen Menschen mit dem künstlerischen Willen, Dinge zutage zu fördern, die vorher niemand gesehen hat.

          Unschärfen und Verzerrungen wurden sein Markenzeichen

          Eine solche Zäsur, womöglich die entscheidende überhaupt in der Fotografiegeschichte, bedeutete William Kleins Buch „Life Is Good&Good For You In New York. Trance Witness Revels“, das 1956 in Frankreich erschien, weil sich in Amerika kein Verleger dafür fand. Zu radikal war dieser Blick, zu hart, zu mitleidlos. Und dazu befreit von allen kompositorischen Konventionen der Harmonie. William Klein arrangierte die Welt nicht mehr im Sucher, er saugte sie durchs extreme Weitwinkelobjektiv seiner Kamera förmlich auf, zog sie ein mit solcher Kraft, dass alles durcheinander wirbelte, dass Bildelemente übereinander herfielen und sich die Motive bisweilen zwischen Gegenlicht und Schatten bis an die Grenze der Unlesbarkeit auflösten. Unschärfen und Verzerrungen nahm er nicht nur in Kauf, sie wurden sein Markenzeichen. Und mit grobem Korn, harten Kontrasten und einem schrägen Horizont formulierte er für die Fotografie ein neues Vokabular.

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          Es war eine Gier nach der Straße, den Menschen, den Massen auf den Bürgersteigen, die sich hinter diesen Aufnahmen verbarg. Als wollte Klein hineinspringen in die Ursuppe des Lebens. „To revel“ heißt: schwelgen, sich weiden, ergötzen, in vollen Zügen genießen. Dennoch blieb am Ende kaum mehr übrig als Trostlosigkeit zwischen verlogenen Werbebotschaften und der Stimmung des Kalten Kriegs, manches polemisch hervorgehoben, vieles melancholisch eingetrübt. William Klein übertrug in seine Fotografien, was die Poeten der Beat Generation in ihrer harten Lyrik hinausgeschrieen hatten, diese geschlagene Generation am Boden.

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