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Sprachphilosophie : Humboldt-Ich

Schon über die zu kaufende Milchsorte kann man sich heutzutage stundenlang streiten. Humboldt kannte Lösungen. Bild: dpa

Vom Ich über die Sprache zur Welt und zum Du: An seinem heutigen 250. Geburtstag feiern wir Wilhelm von Humboldt als großen Paartherapeuten.

          Als Selbstverwirklichung noch eine junge Erfindung war, hieß es zuweilen: Gib mir noch fünf Minuten. Ich bin heute noch nicht mit mir selbst fertig. Dann ließ man diese Person lieber in Ruhe, bis sie restlos mit sich im Reinen war, was freilich dauern konnte. Noch länger dauert es, wenn Paare sich selbst finden müssen. Heute geraten sie schon über ihre Ernährungsidentität auseinander, wenn der eine glutenfrei sein will, die andere laktosearm.

          Wer darüber hoffnungslos uneins ist, mag sich einem neuen Trend aus den Vereinigten Staaten zuwenden: der Selbstheirat. Wikipedia weist darauf hin, dass sie noch nicht die übliche Form der ehelichen Verbindung ist. Man kann die Selbstvermählung ganz traditionell begehen, mit Trauzeugen, die dabei sind, wenn das Ich seine Eigenliebe still vor einem Spiegel bekennt. Dort wird sich, heißt es in Vorbereitungsseminaren, das Herz entkleiden, bis man sich endlich ganz unverschleiert gegenübersteht. Unerörtert bleibt die Frage, ob man sich so seelisch entblößt überhaupt noch heiraten will. Als Billie Holiday 1937 „Me, myself and I“ sang, setzte sie in Klammern „are all in love with you“ dazu. 2015 wurde das Lied von G-Eazy und Bebe Rexha gecovert, und die Botschaft klang wie ausgetauscht: „I just need to be alone. I need space to do me.“ Und so taten sie sich.

          An dieser Stelle ist an den Sprachphilosophen Wilhelm von Humboldt zu erinnern. Für Humboldt war selbst derjenige, der sich in Einsamkeit bildet, angewiesen auf das Gespräch. Weshalb es ihm ganz selbstverständlich schien, dass Forschung nur dann zu etwas führt, wenn sie mit der Lehre verbunden ist. Denn was man für das Eigene hält, ist viel mehr, als man denkt, ein Empfangenes. In Humboldts magischem Viereck – vom Ich über die Sprache zur Welt und zum Du – steckt sich das Denken, soweit es sich nicht auf die Bezeichnung von Gegenständen beschränkt, immer am anderen an. Denn jeder, der sich über die Sprache auf die Welt bezieht, hat an fremden, zu Wörtern und Begriffen geronnenen Weltsichten teil, die er mit seinem eigenen Beitrag aufsprengt, fortsetzt, verflüssigt, aber nicht restlos aufkündigen kann. Ein glücklicher Gedanke: Wer sich über Gluten und Lactose zerstreitet, dem bleibt das Interesse an der gemeinsamen Weltdeutung. An seinem heutigen 250. Geburtstag feiern wir Wilhelm von Humboldt deshalb als großen Paartherapeuten.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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