27.09.2010 · Die Online-Truppe Wikileaks führt Krieg: Daniel Schmitt, ehemals Sprecher und Mitglied des inneren Führungszirkels, übt harte Kritik an der Organisation und sagt das Ausscheiden weiterer Mitarbeiter voraus.
Von Detlef BorchersZum Wochenende repräsentierten Wikileaks, die Website, die weltweit Geheimdokumente aller Art veröffentlicht, zwei Personen. Der Australier Julian Assange und der Deutsche Daniel Schmitt. Sie traten offiziell als Sprecher einer unbekannten Zahl von Aktivisten auf, die brisante Dokumente entgegennehmen, überprüfen und gegebenenfalls anonymisieren, bevor sie im Internet veröffentlicht werden.
Jetzt steigt Daniel Schmitt aus: In einem Interview mit dem „Spiegel“ begründet er seinen Rückzug mit der mangelhaften Diskussionsbereitschaft darüber, wie sich Wikileaks entwickeln soll. Seiner Ansicht nach sollte sich Wikileaks nicht ausschließlich mit Projekten beschäftigen, die weltweites Aufsehen erregen, sondern auch Dokumente veröffentlichen, die „nur“ von nationalem Interesse sind. „Ich habe mehrfach versucht, das anzustoßen, aber Julian Assange hat auf jede Kritik mit dem Vorwurf reagiert, ich würde ihm den Gehorsam verweigern und dem Projekt gegenüber illoyal sein“, sagte Schmitt.
Kaderstrukturen
Wikileaks reagierte prompt auf den Austritt des prominenten Sprechers und teilte via Twitter mit, dass Schmitt schon vor einem Monat suspendiert worden sei. Gründe für diesen Schritt wurden nicht genannt, ebenso ist völlig unklar, welches wie zusammengesetztes Gremium einen Rausschmiss aus dem inneren Führungszirkel bewerkstelligen könnte. Dass ausgerechnet die Amtsenthebung eines Sprechers im Geheimen erfolgte, deutet auf erschreckende Kaderstrukturen hin und unterstreicht die Kritik, die Schmitt an Wikileaks übt.
Seit der Veröffentlichung des Afghanistan-Konvoluts zeichneten sich die Meinungsverschiedenheiten zwischen den beiden Wikileaks-Sprechern deutlich ab. Auf Vorhaltungen der Journalistenorganisation Reporter ohne Grenzen, (Reporters sans Frontieres), dass einige Dokumente des Konvoluts Klarnamen enthielten und damit Menschenleben gefährdet seien, reagierten sie unterschiedlich. Assange kanzelte die Organisation als „Reporter sans Facts“ ab, während Schmitt sich selbstkritisch äußerte und eingestand, dass man nicht alles gründlich genug angeschaut habe. „Das zeigt, dass wir mehr Ressourcen brauchen, die wir in einen solchen Prozess sicher einbinden können. Das ist etwas, woraus wir gelernt haben für die Zukunft, und den Fehler machen wir so nicht noch einmal“, sagte Schmitt. Zur Vorstellung der Afghanistan-Dokumente, die Wikileaks in Zusammenarbeit mit dem „Spiegel“, dem „Guardian“ und der „New York Times“ veröffentlichte, hinterließ Assange überdies nicht den besten Eindruck. Zumindest den Videoaufzeichnungen nach wirkte er, als sei er mit den Daten nicht besonders vertraut.
Offenbar weniger Mitarbeiter als angenommen?
Zu seinem Austritt erklärte Daniel Schmitt, es habe sich eine Menge Unmut bei einigen Wikileaks-Mitstreitern angestaut und es würden noch weitere aussteigen. Angesichts der intransparenten Organisation ist dies nur eine Mutmaßung, die jedoch von internen Aussagen einiger Mitstreiter gestützt wird: Wikileaks ist offenbar viel kleiner, als bisher angenommen. Eine Handvoll Freiwillige mögen es sein, die mit den angelieferten Dokumenten kämpfen und darum bemüht sind, den eigentlichen Zweck des Unternehmens nachzukommen, verschlossene Informationen zu veröffentlichen. Möglicherweise steht das Community-Projekt vor einer Spaltung, einem „Fork“, wie es in der Sprache der Programmierer heißt. Eine Anlaufstelle für Whistleblower, die transparenter als Wikileaks agiert, würde Menschen zur Mitarbeit motivieren können, die sich von der völligen Abschottung à la Assange eher abgestoßen fühlen.
Die echten Fans von Assange ficht dies nicht an. Sie haben Schmitt schon zum Verräter erklärt, dessen Haltung das Leben von Whistleblowern gefährde. Aus der Tatsache, dass Schmitt dem „Spiegel“ gestattet hat, seinen Klarnamen zu drucken, folgern sie, dass der abtrünnige Sprecher entweder eine Microsoft-Marionette oder gleich eine CIA-Puppe sein müsse. Von Daniel Domscheit-Berg googelt es sich schnell zu Anke Domscheit-Berg, einer Microsoft-Mitarbeiterin, die im Deutschlandfunk die Arbeit von Wikileaks verteidigte. Verschwörungstheorien werden eben immer aus besonders groben Planken gezimmert.
Klares Linie
St. Koch (Pensacola)
- 27.09.2010, 09:22 Uhr
wie aus dem Lehrbuch
Mirko Lorenz (Knubbelnase)
- 27.09.2010, 12:24 Uhr
Ein Schelm, wer Arges denkt.
Harry LeRoy (Cimon)
- 27.09.2010, 13:03 Uhr