13.07.2008 · Beim Online-Bücherportal wikipedia.de suchen derzeit dreißig verlassene Fragmente einen Autor, sie stehen im Regal für „Verwaiste Bücher“. Man kann nur spekulieren, was mit den bisherigen Verfassern geschehen ist.
Von Franziska SengNicht jeder hat das Glück zu wissen, woher er kommt und wohin er geht. Selbst Texte bleiben davon nicht verschont. Beim Online-Bücherportal wikibooks.de suchen derzeit dreißig einsame Fragmente einen Autor, sie stehen im Regal für „Verwaiste Bücher“. Jean Pauls Schulmeisterlein Maria Wutz hätte Freude daran gehabt. Schließlich schrieb der vergnügte Bewohner Auenthals die Bücher, die er sich für seine Bibliothek wünschte, aus Kostengründen selbst.
Beim Wikipedia-Ableger kann man ohne Bleistift, Radiergummi und Papier drauflosschreiben, Sachbücher zu jedem als relevant empfundenen Thema online verfassen und veröffentlichen. Nur stehen der Zahl von zweiundvierzig vollendeten Schriften, darunter so beherzte Titel wie „Lehrbuch Einbürgerungstest Hessen“ oder „Sei doch vernünftig – Ein Crash-Kurs“, dreißig als „verwaist“ gekennzeichnete gegenüber, an denen monate- oder jahrelang nicht gearbeitet wurde. Man kann nur spekulieren, Beim Online-Bücherportal @ suchen derzeit dreißig einsame Fragmente einen Autor, sie stehen im Regal für „Verwaiste Bücher“. Man kann nur spekulieren, was mit den Autoren geschehen ist - an der Wucht ihres Stoffes gescheitert, verzehrt von Zweifeln am Sinn ihres Tuns?
Eine Buchadoption bedeutet viel Verantwortung
„Armenisch“, „Luzernerdeutsch“ oder „Färöisch“ heißen die ambitionierten Vorhaben zum Beispiel, Textgerüste mit Links zu Phantomkapiteln, die den Surfer ins Leere klicken lassen. Deutete man die Liste der verwaisten Bücher als Friedhof der Themen, die aus der Mode gekommen sind, dann wäre zu folgern, dass die Menschheit keinen Bedarf mehr an Informationen über „American Football“ oder „BWL für Non-Profit-Unternehmen“ hat. Auch Sujets wie „Sexualität“ und „Rechtschreibung“ haben ihren endgültigen Meister noch nicht gefunden. Auch wenn wikibooks zur freundlichen Themenübernahme aufruft, sollte man sich hier nicht von Mitgefühl leiten lassen, sondern sich – „Sei doch vernünftig!“ – der Sache vorsichtig nähern.
Eine Buchadoption bedeutet viel Verantwortung. Aber sie macht natürlich auch Freude: „Als er noch das Leben hatte, genoss er’s fröhlicher wie wir alle“, heißt es über Wutz, den fleißigen Vollender fremder Werke – wobei dieser es nie so genau nahm: Aus den „Leiden des jungen Werther“ machte er zum Beispiel „Werthers Freuden“. Wer also ein Thema adoptieren, Freude daran haben und niemanden langweilen will, sollte sich vorher überlegen, ob er lieber tollkühn schreiben oder amöbenhaft weitersurfen möchte.