12.03.2010 · Norbert Leitholds Buch über den Grafen Goertz ist von der Nominiertenliste für den Leipziger Buchpreis gestrichen worden. Rächt sich so der Literaturbetrieb - wenn einer durchlebt, was sich andere nur ausdenken?
Von Helmut MayerVon Menschen machen wir uns gern ein Bild. Von Autoren auch. Und das führt manchmal in Schwierigkeiten. So erging es anscheinend der Jury für den Preis der Leipziger Buchmesse. Sie hatte ein Buch unter die Kandidaten für die demnächst vergebene Auszeichnung gereiht: eine Forschungsreise in das Weimar Goethes auf weitgehend neu entdeckten brieflichen Spuren eines gräflichen Prinzenerziehers, der zu jener höfischen Clique gehörte, die an Goethe kaum ein gutes Haar zu lassen pflegte.
Doch dann, folgt man der Darstellung von Verena Auffermann, Sprecherin der Leipziger Jury, sei man nicht nur auf einen höchst merkwürdigen, im Netz zugänglichen Roman dieses Autors mit dem Titel „2040“ gestoßen, der von einem Deutschland kurz vor der Verwandlung in eine islamische Republik erzählt. Man habe dort auch den Hinweis auf einen seinem Autor Norbert Leithold verliehenen Preis der Berliner Akademie der Künste gelesen - was die Akademie auf Anfrage aber nicht bestätigen konnte. Dieser Sachverhalt soll dann ausschlaggebend gewesen sein, die dem Verlag bereits mitgeteilte Nominierung zurückzunehmen.
Frau von Stein trifft Beate Uhse
Die dem Autor damit unterstellte Anmaßung literarischer Würden war nur eigentlich keine: Er hatte durchaus den Alfred-Döblin-Förderpreis der Akademie bekommen, bloß unter seinem früheren Namen. Als Norbert Bleisch hatte er nämlich eine beachtliche literarische Karriere begonnen. Und unter dem Namen Sebastian Bleisch hatte er auch einige Zeit schwule Pornofilme gedreht, bis er für die Beschäftigung nicht volljähriger Darsteller verurteilt worden war. Das passt nun nicht mehr ohne weiteres in ein gängiges Bild. Oder eben nur mehr in eines, in dem Weimar und Pornos irgendwie zusammenkommen, eine etwas grandios inszenierte Entdeckungsgeschichte von nicht zuletzt erotischen Verwicklungen - zwischen der Herzoginmutter, Frau von Stein und Goethe - und ein Briefwechsel mit Beate Uhse über die ästhetische Verbesserung ihrer Filmproduktionen.
Von diesem Teil der Biographie aber habe man bis zur Rücknahme der Nominierung gar nichts gewusst, sagt Verena Auffermann. Einzig der ungenaue Umgang des Historikers mit seinen biographischen Daten in der Autoreninformation zu „2040“ sei sanktioniert worden. Ohne übrigens beim Autor direkt nachzufragen. Das muss man also glauben. Leicht fällt das nicht. Der Verdacht liegt nahe, dass hier ein Buch für das heikle Vorleben seines Autors zu büßen hatte. So rächte sich denn im Literaturbetrieb, wenn man die Berührung mit sinistren Milieus nicht nur erfindet, sondern banalerweise wirklich durchlebt.