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Wie wir Bücher lesen : Zu guter Letzt

Ginge es nach Tim Parks, kann man das Ende eines Buches guten Gewissens weglassen. Bild: Frank Röth

Für den britischen Autor Tim Parks ist es ein Zeichen der Anerkennung, ein gutes Buch nicht zu Ende zu lesen. Aber dadurch würde nicht nur bei Prousts „Recherche“ die Vision des Autors verloren gehen.

          Während Schopenhauer befand, für schlechte Bücher sei das Leben zu kurz, empfiehlt der britische Autor Tim Parks nun, auch gute Bücher nicht zu Ende zu lesen. Er selbst legt jedenfalls, wie er schreibt, auch jene Romane zur Seite, die ihn fesseln. Und erklärt die lectio interrupta gleich zur höchsten Form der Anerkennung. Weil für einen Roman nicht das Ende, sondern die Rätsel der Handlung und seine ästhetische Qualität entscheidend seien.

          Dass er damit den deutschen Titel seiner neuen Essaysammlung „Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen“ ad absurdum führt, liegt auf der Hand. Denn wie will er über Bücher sprechen, die er nur zur Hälfte kennt? Parks argumentiert mit der Autonomie des Lesers, der selbst entscheiden können muss, wann er sich verabschiedet. Romanschlüsse? Oft enttäuschend! Das Beste, was Parks sich von einem guten Ende erhofft, ist, „dass es nicht ruiniert, was davor war“. Die Notwendigkeit eines Endes wird ihm aber auch deshalb zur Last, weil es so viele andere Möglichkeiten ausschließt. Dabei kommen die Ansichten des Lesers Parks denen des Autors Parks ins Gehege. Denn das finale Ausmendeln der Handlungsstränge mag für den schöpferischen Akt eine „Unnehmlichkeit“ darstellen, nicht aber für die Rezeption.

          Belohnung am Ende

          Im Gegenteil lassen sich viele Werke, man denke nur an Prousts „Recherche“, oft erst von ihrem Ende her noch einmal ganz neu aufschlüsseln. Mehr als die berühmten ersten Sätze haben mich immer letzte Sätze fasziniert. So famos der Auftakt der „Recherche“ in seiner Lakonik ist - „Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen“ -, birgt doch erst das Finale so etwas wie eine Vision des Dichters, der nach mehr als tausend Seiten sein Anliegen tatsächlich in ein einziges letztes Wort zu bündeln vermag: „Zeit“. Andere letzte Sätze muss man sich erarbeiten. Dafür wird man im „Ulysses“ von James Joyce nach dem endlosen Monolog der Molly Bloom an Ende eines langen Dubliner Tages mit dem genießerischen Seufzer „ja ich will ja“ belohnt, während am Ende von Elias Canettis „Blendung“ ein apokalyptisches Gelächter als akustische Rückkopplung zum Leser dringt.

          Wie wichtig manchem Autor sein letzter Satz ist, verrät dagegen der Roman „Plattform“. „Man wird mich schnell vergessen“ schreibt da Michel Houellebecq zum Abschluss gleich zweimal hintereinander hin. Einer der schönsten letzten Sätze aber findet sich in dem Schmöker „Vom Winde verweht“. Er ist auch deshalb so gelungen, weil er aller Reifröcke, Korsagen und Zylinder zum Trotz noch einmal zusammenfasst, worum es Margaret Mitchell ging: Dass die widerspenstige Scarlett O’Hara niemals aufhören wird, dem Schicksal wie den Männern die Stirn zu bieten. „Schließlich, morgen ist auch noch ein Tag.“ Das sollte man wissen.

          Quelle: F.A.Z.

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