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Veröffentlicht: 18.01.2016, 10:58 Uhr

Kölner Silvesternacht Wie viel Islam steckt im sexuellen Übergriff?

Haben die Ereignisse der Kölner Silvesternacht kulturelle oder religiöse Hintergründe? Und wenn ja, welche sind das? Ein Gespräch mit der Ethnologin und Islamexpertin Susanne Schröter.

© dpa Frauengruppe in der Hamburger Imam Ali Moschee

Von „Tuharrash gamea“, der arabischen Bezeichnung für kollektive sexuelle Übergriffe, meinten viele nach der Kölner Silvesternacht zum ersten Mal gehört zu haben. Die Weltöffentlichkeit wurde auf das Phänomen aber bereits vor zwei Jahren durch Exzesse auf dem Kairoer Tahrir-Platz aufmerksam. Wo liegen seine Wurzeln?

Nach einer verbreiteten These ist es in den achtziger Jahren aufgetaucht. Damals fingen junge Frauen an, auf die Universitäten zu gehen, berufstätig und außer Haus zu sein, vor allem in den großen Städten wie Kairo. Während des Arabischen Frühlings waren diese emanzipierten Frauen in der Öffentlichkeit sehr präsent, was einigen Männern offenbar furchtbar auf die Nerven ging. Es reichte schon der Umstand, dass diese Frauen den öffentlichen Raum für sich in Anspruch nahmen. Hinzu kommt, dass die gutausgebildeten Frauen auf dem Arbeitsmarkt inzwischen gute Chancen haben, während viele junge Männer in arabischen Ländern bekanntermaßen unter Arbeitslosigkeit leiden und ihre Versorgerrolle nicht mehr ausfüllen können. Gleichzeitig verbietet ihnen die repressive Sexualmoral sexuelle Kontakte außerhalb der Ehe.

Ist das Phänomen auf den Maghreb beschränkt?

Nein, das gibt es in Tunesien, Marokko und Jordanien, aber auch in Syrien oder Pakistan – in allen Ländern, in den patriarchalische Strukturen virulent sind. Übrigens auch in Indien. Es ist also kein spezifisch muslimisches Phänomen. Aber wir haben es eben ganz klar auch in muslimischen Ländern.

Was sind die allgemeinen Bedingungen seines Entstehens?

Die Grundvoraussetzung ist eine patriarchale Ideologie der Gesellschaft, die Idee, dass es reine und unreine Frauen gibt. Die reinen Frauen sind die, die ihrem Mann gehorchen, keinen Sex vor der Ehe haben, ihren Körper bedecken. Die unreinen Frauen sind die, die ihren eigenen Willen haben, nicht den Mann heiraten, den sie heiraten sollen, und so weiter. Es gibt also eine gewisse Legitimation dieser sexuellen Übergriffe, zwar nicht durch die ganze Gesellschaft, aber durch ein konservatives Segment. Das war während des Arabischen Frühlings deutlich zu beobachten.

Ist das „Tuharrash gamea“ auch religiös bedingt, eine Folge des islamischen Frauenbilds?

Der Koran gibt natürlich keine Legitimation, Frauen zu belästigen. Allerdings trägt er dazu bei, dass Sexualität außerhalb der Ehe ganz stark tabuisiert ist. In der Praxis kommt eine Doppelmoral dazu: Der Junge darf ruhig Sex mit anderen Frauen haben, seine Schwester dagegen nicht. Es ist auch vorwiegend Aufgabe der Frauen, dafür zu sorgen, dass sie nicht belästigt werden, indem sie darauf achten, dass das Begehren der Männer nicht geweckt wird. Die fehlende Unbeschwertheit im Umgang der Geschlechter fördert eine Verhaltensunsicherheit, die Übersprungshandlungen begünstigen mag. Aber koranisch legitimiert sind sexuelle Übergriffe nicht.

Die Rechtsordnung in den muslimischen Ländern ist gerade im Ehe- und Familienrecht stark von der Scharia geprägt. Die untergeordnete Rolle der Frau ist rechtlich sanktioniert.

Allerdings. Die Frau hat nach einem Vers im Koran eine Gehorsamspflicht. Der Mann ist sogar legitimiert, sie zu schlagen, wenn sie nicht gehorsam ist. Erbrecht, Vormundschaft für Kinder, Scheidungsrecht, Polygamie: In all diesen Punkten sind Frauen deutlich benachteiligt. Die rechtliche Überordnung gilt jedoch nur für die eigene Frau. Kein Mann kann daraus den Anspruch ableiten, gegenüber anderen Frauen übergriffig zu werden. Die richterliche Auslegung bei sexuellen Übergriffen geht aber in der Tat oft zu Ungunsten der Frau aus. Es gibt hier einfach eine hohe kulturelle Akzeptanz für sexuelle Übergriffe, was mit den patriarchalischen Strukturen zu tun hat. Es gibt also einen indirekten Einfluss des Korans. Hier sehe ich eine große Notwendigkeit der Reform. Man kann nicht jeden Vers bis in die Ewigkeit konservieren.

Eine historisch-kritische Lesart des Korans hat sich bisher nicht durchgesetzt.

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