Am 10. Mai 1981 wurde die Panzerglasscheibe eines Juweliergeschäfts in Palermo zerschossen. Den Abzug des Sturmgewehrs drückte Pino „Scarpuzzedda“ Greco, seines Zeichens Auftragsmörder und gar nicht weiter interessiert am Eigentum des Juweliers. Es ging ihm darum, die Wirkung des Gewehrs zu erproben. Und so muss man sich generell den Umgang Krimineller mit den Geschäften in Italien vorstellen: Die meinen das oft gar nicht so. Autobomben, Anschläge, Bandenkriege - in den italienischen Städten war das nicht möglich, ohne hin und wieder auch ein Geschäft zu ramponieren. Kluge Händler sorgten vor und verschlossen ihre Fenster mit eisernen Rollläden, die fortan die Gesichter der schlafenden Städte prägten.
Es ratterte bei noblen Kleidungsgeschäften kein anderes, besseres Metall herunter als bei speckigen Metzgereien. Überall knackten die gleichen schweren Schlösser, und dann kamen die Jugendlichen und beschmierten und demolierten die Oberflächen. Und dann kamen die Besitzer und strichen Farbe darüber. Hin und wieder wurde auch mit Sprengstoff hantiert oder ein Lkw in die Auslage gefahren, aber im Großen und Ganzen schützte der Rollladen gut. So ging das hin und her.
Hohe Absätze auf mörderischem Pflaster
Verrammelt, verschlossen und mit Eisen geschützt - das ist lange das Bild des nächtlichen Italien gewesen. Meine bevorzugte Salumeria, deren Würste in Deutschland kaum weniger als Pino Grecos Taten beim Corleone-Clan geschätzt werden, hat heute noch so ein Monstrum in Ochsenblutrot vor der Auslage. Aber damit ist das alteingesessene Geschäft schon eher die Ausnahme in der Innenstadt von Mantua. Normal sind mittlerweile recht stabile Gitter mit Durchblick oder eben gar nichts mehr.
Natürlich könnte man die Auslage mit einer AK-47 immer noch zerschießen, aber Mantua hat eine ZTL, eine Altstadtzone ohne Verkehr, und wer hier Geschäfte plündern wollte, müsste seine Beute ziemlich weit bis zum nächsten Parkplatz tragen. Folglich verrammeln sich nur noch Juweliere, Apotheker und alteingesessene Geschäfte. Der Rest freut sich hell erleuchtet bis spät in die Nacht auf Bummlerinnen, die ihre Balancekünste mit hohen Absätzen auf mörderischem Pflaster vorführen.
Neue Signalwirkung
Pino Greco wurde später ermordet, und die Mafia entdeckte neue und bessere Geschäftsfelder als das Ausrauben von kleinen Geschäften: Müllbeseitigung, Bauaufträge, Bestechung öffentlicher Würdenträger mit mehr als nur einem Sylt-Urlaub und anderes, was ohne Lärm und Schäden am Bau vor sich geht. Ein jeder macht eben das, was er am besten kann: meine Salumeria die Würste, der Dekorateur die Schaufenster und der Medienunternehmer der Loge P2 die Politik zwischen Bunga Bunga.
Das ist alles wohlbekannt und offen sichtbar. Die alten Rollläden sind nur noch eine Reminiszenz an jene Zeiten, als das Verbrechen noch versteckt in finsterer Nacht agieren musste. Italien hat das längst hinter sich. Das Rattern einer massiven Eisenwand, das zu später Stunde vom Ende eines Einkaufstages kündet, ist längst vom Ernst zum Spiel geworden. Und zum Signal: Ist der Rollladen schon halb unten, muss sich der späte Einkäufer bücken, um das Geschäft zu verlassen, und man sollte den Laden nicht mehr betreten. Oder wenigstens schnell wie ein Sturmgewehr seine Bestellung aufsagen.