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Wie Franzosen die Deutschen sehen : Die Fremden

  • -Aktualisiert am

Bild: Olivier Guez

Wer etwas zum aktuellen Deutschland-Bild der Franzosen erfahren möchte, kann die Zeitungen lesen oder die Leute auf der Straße befragen. Das Ergebnis ist jeweils erschütternd.

          Meine Wohnung liegt auf dem Boulevard Richard Lenoir, im westlichen Zipfel des elften Pariser Arrondissements, in einem Viertel mit noch recht einfacher, relativ bunt zusammengesetzter Bevölkerung und einem Quadratmeterpreis von etwas mehr als siebentausend Euro, kaum zehn Minuten Fußweg von der Place des Vosges, der Place de la Bastille und der Place de la République entfernt: ein gemischtes Viertel. Es ist vielleicht nicht der naheliegendste Ort, um eine Umfrage zu Deutschland zu machen, aber doch so gut wie jeder andere.

          In den Zeitungen steht, ein altes Gespenst geistere wieder durch Frankreich: die Germanophobie. In Zeitungen und im Fernsehen, im Radio und im Internet liest und hört man, der deutsche Nationalismus sei auferstanden, da Deutschland unter der Zuchtrute eines biederen Bismarck in Hosenanzug ganz Europa - den geschätzten Partnern - seine Autorität und seine Forderungen aufzwinge. Vor allem Frankreich leide unter den deutschen Diktaten, seiner Orthodoxie, seiner Sparpolitik und unter den Inflationsängsten seiner alternden, schrumpfenden Bevölkerung. L’AAAllemagne erdrückt la France. Präsident Sarkozy sei nur der folgsame Pudel der Kanzlerin Merkel. Trotz seiner Prahlerei und seiner Dementis, seines Schulterklopfens und seiner komplizenhaften Küsschen beugt der kleine Nicolas seinen Rücken, knickt ein und unterwirft sich systematisch den Zielen der unbeugsamen Angela. Wie steckt der Durchschnittsfranzose diese Demütigungen weg? Wie sieht er Deutschland?

          Ein französisch-deutscher Zwitter

          Ich selbst bin, in den letzten Jahren zu einem Grenzgänger geworden, das Produkt einer Synthese, ein französisch-deutscher Zwitter. Einerseits bin ich in Straßburg geboren und aufgewachsen, einem französisch-deutschen Erinnerungsort. Ich habe als Kind unzählige Male im Park der Vauban-Festung am Rheinufer gespielt und Nachmittage damit verbracht, in den Spielzeugläden in Kehl nach den letzten Siku-Modellautos zu suchen, von denen auf der französischen Seite des Rheins keine mehr zu finden waren.

          Andererseits bin ich aber auch in einer jüdischen Familie geboren, zudem noch mit einem tunesischen Vater. Da versteht sich meine Vorliebe für Deutschland durchaus nicht von selbst, zumal ich im Gymnasium keinerlei Verlangen nach der deutschen Sprache verspürte und meine Großeltern mütterlicherseits nur mit Mühe der Deportation durch die Deutschen entgangen waren, von Bauern im Zentralmassiv versteckt, bevor sie in ein Flüchtlingslager in der Schweiz fliehen konnten. Ich wuchs in einer Umgebung auf, in der nicht nur BMW-Besitzer diffamiert wurden (zu meinem Leidwesen kaufte mein Vater immer nur Renaults und Peugeots), sondern auch all jene, die bei den „Boches“ einkauften und tankten.

          „Deutschland - gefällt mir? Angela Merkel - gefällt mir?“

          Als Jugendlicher hatte eine Klassenfahrt nach Verdun großen Eindruck auf mich gemacht und mehr noch, Jahre später, ein Besuch in Auschwitz, an einem schauderhaften, krankmachenden, fürchterlichen Dezembertag, an dem die aschfarbenen Wolken so niedrig dahinzogen, als stiegen sie aus dem Boden auf, dem unfruchtbaren Boden von Auschwitz.

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