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Veröffentlicht: 16.02.2017, 14:57 Uhr

Präsidentschaftskandidat Wie die Franzosen Emmanuel Macron verfielen

Frankreich sehnt sich nach einer heilen Welt und hat ihre Protagonisten in Emmanuel Macron und dessen Frau gefunden. Das Volk liebt dieses Paar – gerade wegen seines ungewöhnlichen Altersabstandes.

von
© AFP Emmanuel Macron und seine Frau Brigitte Trogneux begeistern die Franzosen.

Es sind harte Zeiten für die ohnehin vom vergangenen Jahr arg gebeutelten Meinungsforschungsinstitute. Es ist noch nicht so lange her, da erklärten sie, Europa stecke in einer Krise und überall würden bald europafeindliche Politiker die Wahlen gewinnen – und plötzlich tauchte in Deutschland der bekennende Europapolitiker Martin Schulz als SPD-Spitzenkandidat auf und bescherte der zuletzt scheintot wirkenden SPD einen dermaßen hohen Umfragenzuwachs, dass sogar Horst Seehofer sich bemühte, den politischen Scherbenhaufen zwischen CDU und CSU wieder zu etwas zusammenzukleben, das wie eine gemeinsame Wahlurne aussah. Und während man Seehofer mit einem sehr zusammengebissenen Lächeln neben Merkel stehen und dabei recht eigenartige Bewegungen mit den Beinen machen sah, ganz so, als wollte er das Thema „Obergrenze“ unauffällig mit dem Fuß unters Sofa schieben, zeigte sich auch in Frankreich, dass, entgegen allen Analysen, ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Europa kein Hinderungsgrund sein muss, an die Spitze der Wahlumfragen zu kommen.

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Was ist passiert?

Der parteilose Emmanuel Macron, geboren 1977 im nordfranzösischen Amiens, ehemaliger Wirtschaftsminister unter Hollande, gilt plötzlich als aussichtsreichster Kandidat bei den Präsidentschaftswahlen; bei der Stichwahl am 7. Mai würde er, wenn die Umfrageinstitute nicht auch hier wieder völlig danebenliegen, die rechtsextreme Marine Le Pen schlagen.

Das ist umso erstaunlicher, als Emmanuel Macron alle Voraussetzungen mitbringt, die man braucht, um sehr unbeliebt zu sein. Er durchlief das verhasste französische Kadersystem, machte am Pariser Elitegymnasium Henri IV Abitur und arbeitete als Investmentbanker, bevor er auf einigen Umwegen Wirtschaftsminister unter François Hollande wurde, dem unbeliebtesten aller französischen Präsidenten, in dessen Kabinett er Steuererleichterungen für Unternehmen in Höhe von dreißig bis vierzig Milliarden Euro durchsetzte, um die französische Wirtschaft wiederzubeleben, den Mindestlohn und die 35-Stunden-Woche aber unangetastet ließ. Ob Macron „neoliberal“ sei, fragt trotzdem der Journalist Marc Endeweld in einem Buch mit dem Titel „Der zwiespältige Herr Macron“.

Im Zeitalter der Unvorhersehbarkeit

Wie Amerika ist auch Frankreich ins Zeitalter der absoluten politischen Unvorhersehbarkeit eingetreten. Lange hatte es so ausgesehen, als ob die Gaullisten den allseits wie einen Großvater der Nation verehrten ehemaligen Bürgermeister von Bordeaux, Alain Juppé, nominieren würden. Dann machten die Gaullisten den gleichen Fehler, der der SPD einst Scharping und den amerikanischen Republikanern Trump bescherte: Sie ließen nicht die Parteigremien, sondern die Basis über den Spitzenkandidaten entscheiden.

So wählten die Franzosen, um etwas Neues zu versuchen und genau das nicht zu tun, was man ihnen über sie selbst vorhergesagt hatte, bei den Vorwahlen nicht Juppé, sondern den ehemaligen Premierminister François Fillon, der sich in einigen Fernsehshows als wirtschaftsliberaler Vernunftmensch, guter Katholik und netter Familienvater inszenierte.

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