24.06.2006 · Alles wie immer beim Bachmann-Wettbewerb: Jury-Routine, Langeweile, Lebensferne - doch dann kam Kathrin Passig
Irgendwann am Freitag nachmittag, kurz vorm Nervenzusammenbruch, war man sich sicher, daß es so nicht mehr lange gutgehen und am Ende doch noch jemand ausflippen würde. Man dachte dabei nicht so sehr an die Autoren des dreißigsten Klagenfurter Literaturwettbewerbs. Klagenfurt-Autoren sind anständig. Sie gehen vorne an ihren Platz und lesen, halten sich an die Regeln, greifen nicht in die Diskussion der Jury ein, verzichten sogar auf das Schlußwort, das ihnen, den Statuten gemäß, zusteht. Nur Bodo Hell aus Österreich spielte in diesem Jahr beim Vorlesen Maultrommel. Doch kannte man diesen natürlich metaphorischen Witz schon.
Was man denn erwartet habe, fragt zwischendurch jemand. Rainald Goetz könne man doch gar nicht überbieten. Wenn der sich hier die Stirn aufgeritzt habe, Anfang der achtziger Jahre - was auf der diesjährigen Eröffnungsveranstaltung von offizieller Seite wie selbstverständlich als bachmannartige Schmerzartikulation gewürdigt wurde, obwohl man, so gesehen, doch sehr froh sein muß, daß er, bachmannartig, nicht alles in Brand gesteckt hat; wenn Goetz sich also die Stirn aufgeritzt habe, müsse man sich heute schon einen Finger abhacken, um das zu toppen. Rainald Goetz hatte es mit seinem Auftritt in Klagenfurt immerhin geschafft, Peter Handkes Auftritt in Princeton zu überbieten, der den Mitgliedern der Gruppe 47 erklärt hatte, daß sie allesamt nicht schreiben könnten. Irgendeinen Überbietungsgestus gibt es immer, Blut muß deshalb nicht fließen. Nur will das keiner. "Ich möchte jetzt mal einen richtig großen Preis gewinnen!" sagte vor einer Woche Clemens Meyer. "Es ist ja nicht so, daß ich von meinem Roman massenweise verkauft hätte und jetzt reich wäre. Ich brauche das Klagenfurt-Geld, und zwar jeden Pfennig." Und das konnte man, angesichts des gerade auf 25 000 Euro aufgestockten Preisgeldes, auch wiederum sehr gut verstehen.
Die Musil-Lüge
Ausflippen, dachte man am Freitag nachmittag, müßte jetzt eigentlich mal einer aus der Jury. Denn der Wettbewerb war dieses Jahr ein Wettbewerb der besonderen Art: Es ging über weite Strecken gar nicht um den besten literarischen Text. Es ging vielmehr darum, wer von den Jury-Mitgliedern am längsten und elegantesten Contenance wahrt, also am wenigsten aus der Fassung gerät. Je schlechter der Text, desto höher der Ton: das war die heimliche Herausforderung. Nur Iris Radisch wollte da nicht mitmachen, weswegen man ihr - obwohl ihre Begeisterung für die von ihr vorgeschlagenen Texte völlig unverständlich blieb - gar nicht dankbar genug sein konnte. Während der Jury-Autor Burkhard Spinnen bei brutal öden Texten von "Depravation" und bei völligem Durcheinander von "Amalgam" sprach oder der notorisch schlechtgelaunte Musil-Forscher Karl Corino immer noch ein die eigene Rede adelndes Musil-Zitat parat hatte, polterte Iris Radisch mit "Gequatsche" und "Geplapper" ins akrobatische Wortgefecht hinein. Worte wie "toll", "blöd" oder "langweilig" fielen nur in den Pausen.
Angst mußte deshalb kein Autor haben. Auf einen Prozeß legte man es hier nicht an. Eher glich das Ganze einer nicht enden wollenden akademischen Gremiumssitzung. Überhaupt ist ja seit längerem schon Angst keine adäquate Größe mehr für Klagenfurt. Wer hierherkommt, hat einen Verlag, und zwar einen großen: Fischer, Hanser, Suhrkamp, DuMont, Beck. Und weil die Autoren von ihren Lektoren oder sogar Verlegern bis an den Wörthersee begleitet und auch nett betreut werden, ist das, was ihnen passieren könnte, unerheblich.
Der Handke-Schwindel
Es gibt gewissermaßen vier Autoren-Typen, auf die die vornehm trainierte Jury in Klagenfurt reagieren muß. Der erste Typ: der gewollte literarische. Wie schreibe ich einen Text so, daß er möglichst genauso klingt, wie ich mir immer vorgestellt habe, daß Literatur klingen müßte. Donnerstag morgen, neun Uhr. Auftritt der Theaterautorin Sigrid Behrens. So viele Partizipialkonstruktionen hatte man schon lange nicht gehört. Da kann das erzählende Ich nicht einfach begreifen oder wissen, es muß "begreifend" und "wissend" zwischen "fremd vertrauten Gleisen" die "Schwellen" ausloten. Da darf eine Frau auch nicht bloß Zeitung lesen, sondern muß "den Blick wieder tauchen in die Zeitung des Tages". Unübertroffen der Satz: "Genug dieser Nähe nur für uns, in Anführungszeichen eingefaßt", bei dem sich die Jurorin Ursula März dann auch nicht mehr sicher war, ob es sich um eine Parodie handelte oder nicht. "Ich vermute, daß es sich nicht um eine Parodie handelt, dann aber ist der Text fatal", sagte sie. Er war es - und der Rest der Jury in schwindelerregenden Höhen angekommen. Eine "kalkulierte Künstlichkeit zwischen Brecht und Handke" attestierte Heinrich Detering der Autorin, während Ilma Rakusa gestehen mußte, auf Brecht und Handke gar nicht gekommen zu sein, sondern auf die Franzosen: "Ist das Blanchot oder ein Duras-Ton, Beckett oder, wenn ich an die Beobachtungsartisten denke, Sarraute?" Die Literaturrechnung war aufgegangen, das Pseudoliterarische durch die Namen großer Literaten kompensiert, man selber frustriert.
Zweiter Klagenfurt-Typ: der ästhetische Angeber. Für die Jury eine bedeutend größere Herausforderung. Freitag vormittag, elf Uhr. "Die ästhetische Erfahrung eines Swimmingpools konnte mich schon immer begeistern", hieß, ungelogen, der erste Satz der Erzählung "Nachtschwimmen" von Thomas Melle. Finge ein Buch so an, würde man es auf der Stelle in die Tonne knallen. Seine "ästhetische Erfahrung" soll der Erzähler doch bitte schön alleine machen und sich dann auch gerne von "irgendeinem ehrgeizigen Über-Ich" drängen lassen, seine, natürlich kursiv gesetzten "Möglichkeiten" wahrzunehmen. Damit will man nichts zu tun haben. Die österreichische Fraktion der Jury wollte es auch nicht: "Das ist ein Text, mit dem man Eindruck schinden will. Mit mir nicht!" fand Daniela Strigl, was schon gewagt war. Und der von seiner "Falter"-Kolumne "Nüchtern betrachtet" bekannte Klaus Nüchtern, der Melles Text ganz klar für einen "Bauchklatscher" hielt, wartete schon auf die Preisbegründung, daß diese Erzählung selbst "wie ein Pool" sei. Da "hüpfte" Heinrich Detering auch schon "das Herz vor Freude im Leib", weil das alles so genau gesehen, so genau formuliert war, während Iris Radisch sich begeisterte, daß hier einer "mit heißem Stift" geschrieben hatte. Irgendwen beeindruckt man mit der Angebertour immer.
Wenn in Klagenfurt die zwei anderen Typen, der Sparsame und der Tadellose, auftreten, muß man dann meistens mal kurz runter ins Cafe des ORF-Theaters, wo ohnehin die Fernsehübertragung läuft. Das "entkleidete" Erzählen in der Kino-Kennenlern-Geschichte von Silvio Huonder oder die Vaterschaftseuphorie von Dirk von Petersdorff, der sich - alle Achtung! - mit Stoffwindeln, Saugern und Kinderwagen der neuen Generation auskennt, ist so einschläfernd, daß man sich kaum auf dem Stuhl halten kann. Die tadellosen Well-Made-Texte dagegen machen einen einfach nur ratlos. Die Jury-Akrobaten jedoch tänzeln weiter, als wollten sie den Stillstand in Klagenfurt um Himmels willen nicht wahrhaben. Alles wartet, daß doch noch etwas passiert. Und dann passiert sogar etwas.
Die Beckett-Möglichkeit
Dann flippen, soweit ihr Temperament das zuläßt, doch noch alle aus. Kathrin Passig liest, Samstag, zehn Uhr, ihre Erzählung, und sie ist, was in Klagenfurt eher unüblich ist: nämlich sehr, sehr lustig. Das gilt schon für das obligatorische Autorenporträt, das sie sicherheitshalber eigenhändig gedreht, in dem sie alle Peinlichkeiten benannt und damit zugleich vermieden hat. Und es gilt für den vor sich hin denkenden, bergwandernden Erzähler oder die Erzählerin, der oder die von sich sagt, sich keine unnützen Gedanken leisten zu können - sich die ganze Zeit fatalerweise aber gar nichts anderes macht als unnütze Gedanken: vom biologischen Unterschied zwischen Hasen und Kaninchen über einen Reißverschlußhersteller zum Tod. Das kennt und mag man. Das ist das undramatisch erzählte Drama der Abschweifung. Alle freuen sich. Man selbst auch.
"Sehr gut", "sehr gut", "sehr gut", sagt die Jury und hat "eine Schriftstellerin entdeckt". Detering erwähnt kurz Beckett, aber nur, um sofort wieder zurückzurudern und anzufügen, daß dieser Text "eine Aufwertung" nicht nötig habe. Das hatte er nicht. Die anderen aber auch nicht. Die Jury-Aufwertungsmaschine lief in diesem Jahr ganz besonders heiß. Dabei hätten die Mitglieder einfach mal sagen kön-
nen, daß ein schlechter Text schlecht und ein langweiliger Text langweilig ist. Höflichkeitsgetue ist anstrengender als klare Worte und Subjektivität aufrichtiger als Contenance. Alle hätten das überlebt.
Es gab noch einen Autor, dem man wünschte, daß er im dreißigsten Jahr des "Bewerbs" einen Preis abräumen wird: Clemens Meyer. Mit seiner Knastgeschichte "Reise zum Fluss" ließ er Menschen so sprechen, wie sie tatsächlich sprechen könnten, lauschte seiner erfundenen Figur, dem "Boxer", die knappe Rede ab. Das war harte Sprache in hartem Milieu. Und man erinnerte sich daran, daß Dialoge in der Literatur eine gute Sache, wenn nicht das Allerbeste sind. JULIA ENCKE