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Trumps rhetorisches Regime : Eine Frage hätte ich da noch

Aussage, Dementi, Dementi des Dementis, am Ende ist alles ein Versprecher. Bild: EPA

Wie kann man über Trump berichten, wenn der ein Verwirrspiel mit den Medien treibt? Es bleibt nur eins: Man muss ihn mit einer an Inspektor Columbo geschulten Detektivarbeit überführen.

          Das ist kein Sommer der Zärtlichkeit, den Donald Trump da über sein Land verhängt. Es ist ein Sommer im Niemandsland, ein magischer Sommer allemal, in dem jede präsidiale Aussage auch als fiktionale Äußerung genommen werden kann – und soll. Aussage, Dementi, Dementi des Dementis, am Ende ist alles ein Versprecher (versehentlich war ein „nicht“ weggelassen worden, kommt ja vor) – nach Trumps in rascher Folge hingelegtem Zickzack soll niemand mehr sagen können, wo oben und wo unten ist. Es gab und gibt sie weiterhin, die mutmaßlichen russischen Hackerangriffe auf Demokraten? „Ja“, „nein“, wobei „nein“ wiederum nur heißen sollte: Ende der Durchsage, Schluss mit der Fragerei, Sarah Sanders, die Sprecherin, reichte diesen letzten Schrei des hermeneutischen Verwirrspiels hinterher.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Ja doch, die Russen waren es und werden es wieder sein, so ließ sich auch Trump selbst in seinem seriellen Konzept-Patzer vernehmen, in dieser Hinsicht akzeptiere er ganz und gar die Erkenntnisse seiner Geheimdienste, wobei, welch entzückender Moment in dieser repetitiven Fiktionalisierung von Welt: „Es könnten auch andere Leute gewesen sein.“ (Letzteres muss er, der Präsident, hier ja einmal aufblitzen lassen, will er den Erfolg seines Präsidentenwahlkampfes nicht den Russen zuschreiben, und im Übrigen macht sich eine einzige Gegenstimme, notabene die des Präsidenten, doch auch gar nicht schlecht, jetzt, wo die ganze Welt kurioserweise das Hohelied der amerikanischen Geheimdienste singt, derselben Geheimdienste, die mit ihren falschen Informationen Amerika unter Bush ins Irak-Desaster getrieben hatten.)

          In Trumps Wahrnehmung veranschaulicht und verspottet solche Surrealisierung von Sprache, wie er sie rund um den Helsinki-Gipfel in gedrängter, verdichteter Form betrieb, nur die Methode der von ihm so genannten Fake-News-Medien. Er kehrt diese Methode gegen ihre vermeintlichen Urheber. Am Donnerstag lieferte er denn auch den Schlüssel für seine ausgetüftelte politische Konzeptkunst, welche „Geltung“ (von was auch immer) als abhängige Variable seines rhetorischen Regimes vorführt: „Viele Beiträge, die über mich oder die guten Leute um mich herum geschrieben werden, sind reine Fiktion.“

          Er hat die hermeneutischen Gefühle derart verwirrt

          In jene reine Fiktion hat er sie jetzt drei Tage lang selbst einmal hineinziehen wollen, all jene, die ihm auf den Fersen sind. Sie sollten sich ihrer selbst, ihrer selbstgewiss gegen ihn in Stellung gebrachten liberal-demokratischen Spielregeln, nicht mehr sicher sein können. Indem er sich selbst, seine eigenen Aussagen zur Fiktion erklärte, sie mit dem Index „kann sein, kann aber auch nicht sein“ immunisierte, wollte er die Journalisten ins Leere laufen lassen, ihnen jede Handhabe zur Unterscheidung von Faktum und Fiktion wegnehmen. Der Boden sollte ihnen unter den Füßen wanken. Er wankte schließlich parteiübergreifend, auch im Lager seiner aufgeschmissenen Republikaner.

          Tatsächlich hat Trump die hermeneutischen Gefühle derart verwirrt, dass sich seine politischen Gegner nicht anders zu helfen wussten als mit dem Schrei nach der Dolmetscherin. Ja, zur Sicherung des zerschlissenen archimedischen Punktes (wo ist oben? wo unten?) war den Demokraten schließlich nichts anderes eingefallen, als die Dolmetscherin, welche in Helsinki dem Vieraugengespräch zwischen Trump und Putin beigewohnt hatte, als Hüterin der Wahrheit im Kongress auftreten zu lassen. Sie soll diesem Plan zufolge in Trumps Budenzauber nun das Realitätsprinzip verkörpern und verkörpert von Berufs wegen doch nur das Prinzip Sprache in Reinkultur, also ein auf Ein- und Ausreden angelegtes und angewiesenes sehr weiches, sehr verletzbares und eben darin dann doch sehr zärtliches Prinzip, für Trump das Einfallstor für jedwede brutalisierende Travestie.

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