06.12.2006 · Die Deutschen sind stolz auf ihre unterirdischen Schätze, haben viele Fahrradstellplätze und eine tolle Post: Wir haben eine ganz normale Woche lang beobachtet, was Chinas Medien über Deutschland berichten. Von Mark Siemons, Peking.
Von Mark Siemons, PekingEs war eine Woche ohne besondere Vorkommnisse in Deutschland, allenfalls ein im Ausland arbeitender Deutscher, der Papst, erregte mit seinem Türkeibesuch internationales Aufsehen. Eine gute Woche also, um sich zu fragen, was Medienbenutzer in einem fernen, aber über den globalen Konsum- und Arbeitsmarkt doch plötzlich nahegerückten Land wie China von uns mitbekommen, nicht in aufregenden Epochen wie der Fußballweltmeisterschaft, als das Fernsehen und die Zeitungen der Volksrepublik voll waren von Reportagen aus Biergärten und Bäckereien, sondern mitten im gewöhnlichen Lauf der Zeit.
Was in Deutschland selbst die Tagesaktualität bestimmt, stößt auf ähnlich wenig Interesse wie die meisten offiziellen Termine Chinas bei den Deutschen. Der Parteitag der Grünen findet keine Erwähnung, und über den Parteitag der CDU, auf dem Merkel als Vorsitzende wiedergewählt wurde, verfaßt die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua zwar eine sachliche Meldung, die aber von den Zeitungen, die sich am Markt verkaufen müssen, nicht übernommen wird.
Indifferenz gegenüber kirchlichen Themen
Ähnlich unbeachtet bleiben Xinhua-Meldungen über die Festnahme von Neonazis in Rosenheim, die Reise Steinmeiers in den Mittleren Osten, die Debatte über eine einheitliche Antiterrordatei, den Abzug der Truppen aus der Demokratischen Republik Kongo und den europäischen Filmpreis für „Das Leben der anderen“. Die Papstreise wird nur von der englischsprachigen „China Daily“ mit einer Synopse ausländischen Agenturmaterials bedacht, chinesischsprachige Leser bekommen von ihr nichts mit - was aber wohl weniger an der Nationalität Benedikts liegt als an der offiziellen Indifferenz gegenüber kirchlichen Themen, solange sie nicht China betreffen.
Von einem generellen Desinteresse an deutscher Politik kann man nicht sprechen: Biographien von deutschen Bundeskanzlern verkaufen sich in China gut, sogar von Angela Merkel gibt es schon zwei, eine Übersetzung des Buchs von Gerd Langguth und eine vom Chef des Internationalen Radioverlagshauses geschriebene (so weit hat es der chinesische Präsident Hu Jintao in Deutschland noch nicht gebracht). Und auch die ausführliche Berichterstattung etwa über den Nato-Gipfel in Riga, den Besuch des irakischen Präsidenten in Iran und den britisch-russischen Agententhriller zeigt, daß internationale Themen nicht unbeachtet bleiben.
Unsere unterirdischen Schätze
Am aufschlußreichsten sind in ruhigen Zeiten die eher feuilletonistischen Mentalitätserkundungen. „Deutsche, die seit jeher für ihre Strenge und Gewissenhaftigkeit berühmt sind, schätzen ihre unterirdischen Schätze besonders“: So hebt ein Artikel in der „Huan Qiu Shibao“ (Global Times) an. Für Deutsche seien die vergrabenen Schatztruhen ihrer Ritter ebenso attraktiv wie Hitlers unterirdische Bunker. Der Artikel stellt dann „das größte unterirdische Geheimnis Deutschlands während des Kalten Kriegs“ vor, die der Bundesregierung vorbehaltene Bunkeranlage Marienthal in den Weinbergen bei Bonn. Dem geheimen Deutschland zollt auch die aktuelle Ausgabe des Magazins „Shi Jie Zhi Shi“ (World Affair) Tribut, die einen zweiseitigen Gedenkartikel zu Markus Wolf bringt. Der Artikel wundert sich zunächst etwas über den abschätzigen Ton, der bisweilen der Bezeichnung „Topspion“ beigelegt werde: „Aus der Perspektive der internationalen Beziehungen sind Spione einfach eine besondere Truppe Staatsdiener an einer unsichtbaren Front.“ Und da Wolf sein Gewissen und seine Berufsehre nicht gegen Geld und Freiheit getauscht habe, könne er, heißt es am Ende, „zu den Helden zählen“.
Doch mit den Untergrundaktivitäten ist längst Schluß, „für Deutschland besteht kein Grund mehr, das weiter aufrechtzuerhalten“, wie es in dem Artikel über den Bundesbunker heißt, der jetzt Museum wird. Selbst Deutschland streift seine Altlasten ab: Die „Shi Jie Xin Wen Bao“ (World Press) schreibt beeindruckt über die Entwicklung der Deutschen Post, „die noch vor zehn Jahren für ihre behäbige und uneffiziente Bürokratie berühmt war“, zum globalen Transportkonzern. In der gleichen Zeitung schildert ein Reporter im Mercedes-Werk von Sindelfingen, wie man dort keine Arbeiter sieht, sondern nur noch die Geräusche der Maschinen hört. Übrigens seien dreißig Prozent der Besucher des dortigen Automuseums Chinesen.
Keine Seife im Hotel
Wie das Land zu jedem Fortschritt auch gleich die Kompensation liefert, demonstriert dann eine Exkursion im Ressort „Fremdes Flair“ nach Freiburg, über der die Dachzeile steht: „Nicht mit dem Auto ins Zentrum - Keine Seife im Hotel“. Dem Reporter fällt in der von den Grünen regierten Stadt vor allem auf, wie kurz die Parkzeiten sind (neunzig Minuten), wie viele Fahrradstellplätze es gibt und wie die Badewanne in einem ökologischen Hotel sich den Umrissen eines menschlichen Körpers anschmiegt. Doch die gleiche Zeitung weiß auch über andere Orientierungssuchen zu berichten: Europa wehre sich jetzt gegen Weihnachten nach amerikanischer Art; die Jingle-Bells-Töne, Weihnachtsmann-Kohorten und ausgiebigen Partys gingen immer mehr Europäern auf die Nerven. „Experten weisen darauf hin, daß Weihnachten eigentlich eine religiöse Zeremonie ist“, weiß das Blatt. Schon zeige der Ruf zur eigenständigen Tradition Wirkung: Deutsche stellten zum Beispiel wieder vermehrt Nikoläuse in den Garten.
Am meisten aber ist Deutschland in China durch die Bundesliga präsent: Der Sportkanal CCTV 5 bringt jede Woche samstags einer Liveübertragung und am Montag noch eine Zusammenfassung aller Spiele. Kulturelle Themen im engeren Sinn fanden sich nur zwei. Mehrere Zeitungen beschreiben ohne jeden Kommentar die Versuche, mit Hitler Witze zu machen. Und in der Pekinger Tageszeitung „Xin Jing Bao“ gibt es ein Interview mit dem in chinesischen Cineastenkreisen sehr populären Wim Wenders, der bekennt, seine deutsche Heimat immer mehr zu mögen.