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Alltäglicher Antisemitismus : Er trug eine Kette mit dem Davidstern

Teilnehmer einer Kundgebung zum "Kippa-Tag" auf dem Römerberg am 14. Mai 2018 in Frankfurt. Bild: dpa

Wie groß ist die Aufmerksamkeit für Antisemitismus? In Berlin wurde ein aus Syrien stammender Jude von einer Gruppe verprügelt, weil er eine Kette mit dem Davidstern anhatte. An solche Taten darf man sich nicht gewöhnen.

          Am Wochenende wurde in Berlin ein aus Syrien stammender Jude von einer Gruppe von Menschen verprügelt, weil er eine Kette mit einem Davidstern trug. Die Polizei nahm sieben Männer und drei Frauen fest, die ebenfalls aus Syrien stammen sollen. Sie kamen nach Feststellung ihrer Personalien frei. Das Opfer erlitt durch Schläge und Tritte eine Platzwunde am Kopf und musste im Krankenhaus behandelt werden.

          Großes Aufsehen erregte die Tat nicht; anders als bei der Attacke auf einen jüdischen Restaurantbesitzer im vergangenen Dezember in Schöneberg oder dem Übergriff auf zwei junge Männer mit Kippa in Prenzlauer Berg, auf die ein neunzehnjähriger Syrer Mitte April mit dem Gürtel eingeschlagen hatte. Eine Woche darauf versammelten sich rund zweieinhalbtausend Menschen zu der Solidaritätskundgebung „Berlin trägt Kippa“.

          Knapp drei Monate später bleibt eine solche Geste aus. Das Medienecho auf den Überfall ist gering. Das zeigt, wie oberflächlich die vermeintlich gestiegene Sensibilität für Antisemitismus ist. Judenfeindlichkeit wird zum Alltagsphänomen. Bürger jüdischen Glaubens lernen, wie die Fälle antisemitischen Mobbings an Schulen zeigen, von Kindesbeinen an, dass es gefährlich ist, in diesem Land als Jude erkennbar zu sein.

          Politische und publizistische Appelle sind wichtig, helfen aber vergleichsweise wenig. Entschieden wird der Kampf gegen Diskriminierung, Rassismus, Frauen-, Schwulen- und eben auch Judenfeindlichkeit im öffentlichen Raum, auf Plätzen und Straßen, in der Schule oder am Arbeitsplatz. Dass es sich nicht um eine punktuelle Aufgabe handelt, sondern eine grundsätzliche, von welcher der Zusammenhalt der Gesellschaft abhängt, ist Gegenstand einer Grundsatzerklärung zur Auseinandersetzung mit Antisemitismus, welche das Jüdische Forum für Demokratie und gegen Antisemitismus (JFDA) gemeinsam mit der „Werteinitiative – jüdisch-deutsche Positionen“ (WI) vorgelegt hat. Sie richtet sich an Bundesregierung, Landesregierungen, den Bundestag, Länderparlamente, politische Stiftungen, Wissenschaftler und insbesondere an den Antisemitismusbeauftragten Felix Klein.

          Sie fordert, die Betroffenen bei der Beurteilung der Lage ernst zu nehmen, Feindseligkeit gegen Israel als potentiellen Antisemitismus ins Auge zu fassen und sich der Breite des Phänomens zu stellen – der Judenfeindlichkeit der Rechtsextremen wie dem Antisemitismus unter Muslimen. Das Berliner Amtsgericht verurteilte den Gürtelschläger zu vier Wochen Arrest. Für weitere fünf Wochen in Untersuchungshaft fordert er Entschädigung und hat deswegen Berufung gegen das Urteil eingelegt. Antisemitische Motive für seine Tat erkannte das Gericht nicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

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