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Wider den Terror des Tiefsinns Ist Ernstsein wirklich alles?

Mit Tiepolo gegen den Terror der Tiefsinnigkeit: Zehn Jahre Ironiekrise sind genug, zehn Jahre „Ende der Spaßgesellschaft“ machen Lust auf einen neuen Anfang

© bpk / Kupferstichkabinett, SMB / Vergrößern Giovanni Battista Tiepolo: „Die Entdeckung des Grabs von Pulcinella aus den „Scherzi di Fantasia“

Tiepolo ist ein ganz gutes Beispiel. Giovanni Battista Tiepolo, der Barockmaler. Es wird im Folgenden nämlich um die Krise der Ironie gehen, um Peter Hahne und Sigrid Löffler, sogar um Fußball - und um die Frage, was das mit dem verdrucksten Akademie-Stil zu tun hat, mit dem heute so oft über Kunst geschrieben wird und nicht nur darüber. Tiepolo ist auch deshalb so ein gutes Beispiel, weil allein der Name einen bestimmten Ton erwarten lässt, den hohen Ton der Kunstandacht, wie man ihn in den Faltblättern der Museen findet. Wenn der dann aber ausbleibt, herrscht Verärgerung, dann werden Beschwerdebriefe geschrieben, und die sind sozusagen Teil des Themas, denn das hat, wie alles, gute Gründe, die tief in der Geschichte wurzeln. Eben zum Beispiel bei Tiepolo.

Es gibt da jetzt im Berliner Kupferstichkabinett eine wunderbare kleine Ausstellung über „Bilderzyklen der Aufklärungszeit“; Goyas „Caprichos“ sind da zu sehen, Piranesis Kerker-Phantasien natürlich, aber auch eine schöne Auswahl der seltener gezeigten „Scherzi“ von Tiepolo. Auf diesen Blättern kommen Dinge zusammen, die nicht zusammengehören, antikisches Ruinenpathos und Commedia-dell’Arte-Clowns, nackte Heldenbrüste und bartkratzende Orientalen, magisches Zauberzeug und ein ganzer Schilderwald der allegorischen Verweise. Etüden eines höchstpersönlichen Einfallsreichtums waren das, die sich auch als Einzelblätter gut verkauften.

Das Problem mit Tiepolo war nur, dass er es bei offiziellen Auftragsgemälden mehr oder weniger genauso hielt. Das Deckenfresko im Treppenhaus des Würzburger Residenzschlosses gilt als das mit Abstand größte Gemälde auf deutschem Boden - aber das bezog sich lange eher auf seine Quadratmeterzahl als auf seine Bedeutung. Dafür war es Tiepolos Nachwelt immer irgendwie zu virtuos, zu frivol, zu spielerisch und zu ironisch: Es irritierte die Leute, dass sie nicht sicher sagen konnten, ob Tiepolo den Fürstbischof hier nun verherrlicht oder verhöhnt.

Humorlosigkeit heißt Seelentiefe

Dass unter anderem genau darin die Leistung liegen könnte, wurde eigentlich erst Mitte der Neunziger so richtig in Betracht gezogen, als plötzlich auch Bücher erschienen, die Tiepolos „pictorial intelligence“ zu würdigen wussten. Bis dahin hatte Tiepolo immer als die extrasüße Spätlese des Ancien Régime gegolten, als einer, der die ganze Malerei der Renaissance und des Barock im Ärmel stecken hatte und nur mal sanft schütteln musste, dann war wieder eine Palastdecke gefüllt oder eine Kirche. Es hat diejenigen, die über ihn geschrieben haben, immer spürbar gefuchst, dass sie vor diesen Bildern das Gefühl beschleichen musste, Tiepolo habe am Ende gar nicht „ernsthaft“ daran geglaubt. Nicht an die Herrlichkeit der verherrlichten Fürsten, womöglich noch nicht einmal an das Religiöse.

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