http://www.faz.net/-gqz-6yuqn
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 01.04.2012, 17:07 Uhr

Wider den Terror des Tiefsinns Ist Ernstsein wirklich alles?

Mit Tiepolo gegen den Terror der Tiefsinnigkeit: Zehn Jahre Ironiekrise sind genug, zehn Jahre „Ende der Spaßgesellschaft“ machen Lust auf einen neuen Anfang

von

Tiepolo ist ein ganz gutes Beispiel. Giovanni Battista Tiepolo, der Barockmaler. Es wird im Folgenden nämlich um die Krise der Ironie gehen, um Peter Hahne und Sigrid Löffler, sogar um Fußball - und um die Frage, was das mit dem verdrucksten Akademie-Stil zu tun hat, mit dem heute so oft über Kunst geschrieben wird und nicht nur darüber. Tiepolo ist auch deshalb so ein gutes Beispiel, weil allein der Name einen bestimmten Ton erwarten lässt, den hohen Ton der Kunstandacht, wie man ihn in den Faltblättern der Museen findet. Wenn der dann aber ausbleibt, herrscht Verärgerung, dann werden Beschwerdebriefe geschrieben, und die sind sozusagen Teil des Themas, denn das hat, wie alles, gute Gründe, die tief in der Geschichte wurzeln. Eben zum Beispiel bei Tiepolo.

Es gibt da jetzt im Berliner Kupferstichkabinett eine wunderbare kleine Ausstellung über „Bilderzyklen der Aufklärungszeit“; Goyas „Caprichos“ sind da zu sehen, Piranesis Kerker-Phantasien natürlich, aber auch eine schöne Auswahl der seltener gezeigten „Scherzi“ von Tiepolo. Auf diesen Blättern kommen Dinge zusammen, die nicht zusammengehören, antikisches Ruinenpathos und Commedia-dell’Arte-Clowns, nackte Heldenbrüste und bartkratzende Orientalen, magisches Zauberzeug und ein ganzer Schilderwald der allegorischen Verweise. Etüden eines höchstpersönlichen Einfallsreichtums waren das, die sich auch als Einzelblätter gut verkauften.

Das Problem mit Tiepolo war nur, dass er es bei offiziellen Auftragsgemälden mehr oder weniger genauso hielt. Das Deckenfresko im Treppenhaus des Würzburger Residenzschlosses gilt als das mit Abstand größte Gemälde auf deutschem Boden - aber das bezog sich lange eher auf seine Quadratmeterzahl als auf seine Bedeutung. Dafür war es Tiepolos Nachwelt immer irgendwie zu virtuos, zu frivol, zu spielerisch und zu ironisch: Es irritierte die Leute, dass sie nicht sicher sagen konnten, ob Tiepolo den Fürstbischof hier nun verherrlicht oder verhöhnt.

Humorlosigkeit heißt Seelentiefe

Dass unter anderem genau darin die Leistung liegen könnte, wurde eigentlich erst Mitte der Neunziger so richtig in Betracht gezogen, als plötzlich auch Bücher erschienen, die Tiepolos „pictorial intelligence“ zu würdigen wussten. Bis dahin hatte Tiepolo immer als die extrasüße Spätlese des Ancien Régime gegolten, als einer, der die ganze Malerei der Renaissance und des Barock im Ärmel stecken hatte und nur mal sanft schütteln musste, dann war wieder eine Palastdecke gefüllt oder eine Kirche. Es hat diejenigen, die über ihn geschrieben haben, immer spürbar gefuchst, dass sie vor diesen Bildern das Gefühl beschleichen musste, Tiepolo habe am Ende gar nicht „ernsthaft“ daran geglaubt. Nicht an die Herrlichkeit der verherrlichten Fürsten, womöglich noch nicht einmal an das Religiöse.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Humor als Waffe Nie hieß es: War doch nur ein Witz

Bodo Müller sammelte in der DDR politischen Humor - bis er ins Visier der Stasi geriet. Jetzt hat er seine einstige Sammlung veröffentlicht. Mehr Von Stefan Locke

23.08.2016, 11:56 Uhr | Gesellschaft
Alternative Ernährung Berlin als Trendstadt für Veganer

Immer mehr Menschen wollen sich vegan, also ganz ohne tierische Produkte ernähren: 900.000 sollen es in ganz Deutschland sein. Fast zehn Prozent davon leben Schätzungen zufolge in Berlin, und so ist es nicht überraschend, dass die deutsche Hauptstadt hier Trendsetter ist. In Berlin gibt es mehr vegane Restaurants als in Paris oder London, und immer mehr vegane Betriebe schießen aus dem Boden. Mehr

23.08.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Schockrocker Alice Cooper Trump und Clinton bekommen Konkurrenz

Weder Hillary Clinton noch Donald Trump sind sonderlich beliebt bei den Wählern. Ein neuer, düsterer Kandidat will sich das zunutze machen. Mehr

23.08.2016, 04:09 Uhr | Gesellschaft
Projekt für das Mittelmeer Wie Kameradrohnen Flüchtlingen helfen können

Ein Ingenieur aus Amerika will mit Drohnen dafür sorgen, dass Flüchtlinge sicherer über das Mittelmeer gelangen. Mehdi Salehi hofft mit den Filmaufnahmen seiner Flugobjekte die Arbeit von Rettungskräften zu vereinfachen. Mehr

25.08.2016, 15:36 Uhr | Gesellschaft
Deutscher Buchpreis 2016 Fünf Mal Fischer auf der Buchpreis-Longlist

Die Nominierungen für die Longlist des Deutschen Buchpreises bieten alte Bekannte, aber auch ein paar höchst erfreuliche Überraschungen. Erstaunlich ist, welche Autoren und Verlage diesmal fehlen. Mehr Von Andreas Platthaus

23.08.2016, 10:48 Uhr | Feuilleton
Glosse

Glücksgeschichte

Von Gina Thomas

Wie glücklich oder unglücklich eine Gesellschaft ist, kann nun gemessen werden – nicht am Bruttoinlandsprodukt, sondern am Sprachgebrauch der Literatur. Seit 1776. Mehr 7 8

Abonnieren Sie den Newsletter „Literatur“