Christa Wolf kann nichts wegschmeißen. Sie sammelt alles Papierförmige - Eintrittskarten, Flugblätter, Fahrscheine, Reisebroschüren, Fotos, Briefe, Zeichnungen und selbstverständlich jedes von ihr selbst beschriebene Blatt. Denn daraus setzt sich das Leben zusammen. Die Sammelleidenschaft zwang sie vor ein paar Jahren dazu, Platz in der eigenen Wohnung zu schaffen. Das Berliner Archiv der Akademie der Künste übernahm den sogenannten "Vorlaß", der eine rund 25.000 Blatt umfassende Korrespondenz und 20.000 Blatt aus dem Werkzusammenhang enthält. Minutiös läßt sich daran die Entstehung einzelner Werke in verschiedenen Entwicklungsstufen nachvollziehen.
Eine vergleichsweise winzige Auswahl mit rund sechshundert Objekten ergibt bereits eine stattliche Ausstellung aus Anlaß des 75. Geburtstages. "Wie man es erzählen kann, so ist es nicht gewesen" lautet der Titel der Werkschau in der Berliner Akademie der Künste. Das klingt fast ein bißchen bedrohlich: Egal, wie man das Leben erzählt, die Archivare wissen immer mehr, wenn sie nur lange genug suchen. Doch Christa Wolf bleibt gelassen. Bei einem ersten Rundgang durch die in Vitrinen aufgebahrten Exponate zeigte sie sich gewappnet. Sie mache sich kühl und sachlich, sagt sie. Sie wisse, sie gehe durch etwas hindurch, was hinter ihr liege: abgetan und erledigt. Manches, was nun friedlich in den Vitrinen schlummert, hat einmal heftige Emotionen in ihr ausgelöst. Ein Notizblock beispielsweise ist da zu sehen, auf dem sie in Stichworten ihren Redebeitrag auf dem berüchtigten 11. Plenum des ZK der SED im Jahr 1965 entwarf. Es war das erste Mal, daß in jenen Räumen jemand laut und deutlich "nein" sagte und die Gefolgschaft verweigerte. Der Mut, den das kostete, ist den Notizen nicht abzulesen.
Unübersichtliche Frakturen
Oder das Jahr 1976 - die Ausbürgerung Biermanns, die Unterschrift unter der Protestresolution. Wie lange das her ist, zeigt ein Brief von Manfred Krug aus den neunziger Jahren. Da regte er ein Wiedersehen der Protestierer an, die 1976 beim legendären Gespräch in seinem Haus dabei waren und die sich leider aus den Augen verloren hätten: Was bleibt, sind Erinnerungen, manchmal ist es auch nur ein vergilbtes Stück Papier, wie jenes Resümee, das Christa und Gerhard Wolf 1962 nach ihrer dreijährigen Tätigkeit als Leiter des Zirkels schreibender Arbeiter im VEB Waggonbau Ammendorf zogen. In dürren Worten teilten sie der Abteilung Literatursoziologie der Universität Halle mit, daß es an Unterstützung durch die Werksleitung ebenso gemangelt habe wie an literarischer Qualität der Teilnehmer. Die Sache mit den schreibenden Arbeitern war ein Flop.
Die Ausstellungsmacher unter Leitung der Germanistin Sabine Wolf haben ein thematisches Ordnungsprinzip gewählt. In sieben Kapiteln, die Überschriften tragen wie "Heimat", "Selbstfindung" oder "Zeitenwechsel" werden Grundthemen herausgearbeitet. Das hat den Vorteil, überraschende Bezüge herstellen zu können. Man sieht, wie Christa Wolfs Schreiben immer eingebunden war in ihre Korrespondenz und ihre Freundschaften. Das Gespräch mit den Menschen um sie herum, mit ihrer Familie, mit Kollegen, ist konstitutiver Bestandteil ihres Schaffens und davon kaum abzulösen. Der Nachteil: Unübersichtlichkeit, zumal die einzelnen Abschnitte wenig trennscharf sind. Die Brüche in Wolfs Leben - die Stasikontakte in den fünfziger, die depressive Verzweiflung in den späten sechziger Jahren, die tiefe Krise in der Nachwendezeit - werden dadurch eher weichgezeichnet als geschärft. Statt Entwicklungslinien werden Zustände sichtbar. Die Freundschaft mit Anna Seghers etwa, in ihren Veränderungen einer gesonderten Betrachtung wert, taucht immer wieder auf, ohne daß die Modifikationen erkennbar würden.
Offensiv in die Öffentlichkeit
Wenig überzeugend auch, "Selbstfindung" und "Desillusionierung" auf zwei Themenkomplexe zu verteilen. Beides gehört bei Christa Wolf zusammen. Erst in den Krisen findet sie wirklich zu sich. Deshalb hätte sie die DDR auch nicht verlassen können. Ihre Produktivität war auf den Konflikt angewiesen. Wie wäre ihr Leben anders zu begreifen denn als eine fortgesetzte Ernüchterung, als langwieriger, mühsamer Abschied von der sozialistischen Utopie? Exemplarisch führte sie ihr Leiden und ihre Skrupel vor und wurde damit zur Identifikationsfigur für eine ganze Generation. Auch 1993, als sie wegen ihrer frühen Stasikontakte heftige Angriffe auf sich zog, ging sie in die Offensive. In einem Dokumentationsband versammelte sie alle zugänglichen Dokumente. Die wilden Anklagen brachen daraufhin rasch in sich zusammen.
Sich selbst öffentlich zu machen war in ihrem Fall ein Schutz. In der DDR hatte sie gelernt, daß das Klandestine und hinterrücks Bürokratische eine größere Bedrohung darstellt als Öffentlichkeit. Glasnost, Transparenz, hieß die Forderung der Jahre 1989 und 1990, die, neben der Aufbruchszeit der jungen DDR, an der sie als glühende Sozialistin Anteil nahm, wohl die reichste Zeit ihres Lebens waren. Auch deshalb wirkte es wie ein Schock, als die westliche Öffentlichkeit sich 1990 massiv gegen sie und ihre Erzählung "Was bleibt" wandte.
Die oberste Erdschicht heben
In der Abteilung "Die Autorin als öffentliche Person" kommt die Ausstellung zu anderen, privateren Resultaten. Trouvaillen und Absonderlichkeiten, Erfreuliches und Ärgerliches liegen hier dicht beieinander. Günter Grass, gerade zurückgekehrt von der Blockade des Raketenstationierungsgeländes in Mutlangen, schrieb am 15. September 1983 einen Brief. Er habe dort, in nächtlichem Blockadedienst, aus dem Roman "Kassandra" vorgelesen. Es regnete. Er und seine Zuhörer rückten unter Schirmen und Plastikplanen zusammen. Nie habe er eine intensivere Zuhörerschaft erlebt. Dafür wolle er ihr danken. Nicht weit entfernt von diesem Brief hängt das Schreiben eines Autors, der zu DDR-Zeiten als Talent galt. Christa Wolf, Franz Fühmann und Heiner Müller unterstützten ihn, bis er die DDR in Richtung West-Berlin verließ. Nach der Wende stellte er Christa Wolf entgangene Unterstützungszahlungen einschließlich Zinsen und gestiegener Lebenshaltungskosten in Rechnung. Auch Dissidenten sind manchmal nur Kaufleute.
Manches von dem, was Christa Wolf bei ihrem Rundgang durch die Ausstellung entdeckte, war ihr selbst nicht mehr präsent. Auch die eigenen Werke, sagt sie, "sinken in mir ab. Es entsteht eine Art Humus, in dem sich in mir vergangenes Leben, Arbeit und Werke vermischen, so daß ich aus diesem Humus dann auch wieder schöpfen kann." Für Christa Wolf ist das ein lebendiges Weiterarbeiten auf dem Boden der Erfahrung, ohne daß sie sich deshalb die Vergangenheit ständig bewußt machen muß. Die Ausstellung erlaubt, wenigstens an der Oberfläche dieser Erdschicht ein bißchen herumzugraben.