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Werbung am Bau : Wie Architekten für sich werben müssten

Die Berufsaussichten für Architekten sind finster. Dabei sind die Zeiten spannend für den Berufsstand: Fast alle großen Krisen der Gegenwart hängen mit falscher Architektur zusammen.

          Die Zeiten, in denen Architektur als Traumberuf galt, sind lange her. Zwar steigt die Zahl der Architekturstudierenden seit dem Jahr 2007 kontinuierlich an, aber die Berufsaussichten sind finster: Von den über 125.000 in Deutschland tätigen Architekten hat nur jeder Fünfte ein vernünftiges Auskommen, zwei Drittel des Branchenumsatzes werden von nur fünfzehn Prozent aller Architekturbüros erwirtschaftet, jedes Jahr verlassen doppelt so viele Absolventen die Fakultäten, wie Architekten in den Ruhestand gehen. Selbst Architekten fordern inzwischen mit autoaggressivem Unterton, dass es bitte weniger Architekten geben möge, so Holger Reiners mit seinem Pamphlet „Brauchen wir noch Architekten?“.

          Die Misere der Architekten hat sogar die Hitparaden erreicht: In dem Lied „Vergangenheit“ der Band „Die höchste Eisenbahn“ heißt es: „Du hast gedacht, Du wirst ein großer und berühmter Architekt / Der alle Bahnhöfe und Museen mit Stahl und Glasplatten bedeckt“ - und natürlich wurde für den Helden des Liedes nichts daraus. Sollen die derart besungenen Architekten deshalb in eine depressive Handlungshemmung verfallen? Sollen sie nicht - schon deswegen, weil 95 Prozent aller deutschen Einfamilienhäuser nicht von einem Architekten entworfen wurden, was man deutlich sieht und ändern muss. Selten gab es so viele Architekten wie heute - und selten gab es so viele gute; woran liegt es, dass Bauherren und sie nicht zusammenfinden?

          Mit Architekten wäre das nicht passiert

          Oft ist es fehlende Information. Dabei sind die Zeiten spannend für Architektur, auch, weil fast alle großen aktuellen Krisen - die vom Immobilienkreditzusammenbruch hervorgerufene Finanzkrise, die durch Millionen Pendler in den Ballungsräumen verschärfte ökologische Krise, sogar Wulffs Rücktritt - Krisen sind, die mit falscher Architektur zusammenhängen. Die Architektenverbände sollten deswegen über ein altes Tabu nachdenken: über das nur theoretisch abgeschaffte, praktisch noch bestehende Werbeverbot. Sie müssten nicht nur sachliche Kleinanzeigen schalten und nicht matte Lobbyarbeit in der Politik, sondern aggressiv Werbung machen.

          Es müsste Plakate mit großen Fotos der trostlosen Siedlungen geben, die die Mafia des schlüsselfertigen Wohnens vor den Städten errichtet, dazu die Botschaft „Mit Architekten wäre das nicht passiert“ und ein schlagendes Gegenbild - denn wenn sich nicht herumspricht, dass Häuser und Städte ganz anders aussehen könnten, bleibt nur noch die Fluchtphantasie aus dem Architektenlied: „Du hast gedacht, du erbst ein Haus in der Nähe von Bordeaux / Und draußen mäht jemand den Rasen, du sitzt mit Kaffee auf’m Klo / Und aus dem Wohnzimmer schreit jemand, die sieht so aus wie Anna Karina / Komm endlich zum Frühstück, ich liebe dich so.“

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

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          Quelle: F.A.Z.

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