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„Wer wird Millionär?“ Der Pfennigfuchser und die Ignoranz von RTL

13.06.2007 ·  Fast hätte die Kandidatin bei „Wer wird Millionär?“ die halbe Million gewonnen. Hat sie aber nicht. Ein Zuschauer weist nach, dass die entscheidende Antwort nicht eindeutig ist. RTL lobt seinen „sportlichen Ehrgeiz“ - und legt den Fall zu den Akten.

Von Karen Krüger
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Geld gewinnen durch eine solide Allgemeinbildung, das klingt gut: Bis zu sieben Millionen Zuschauer sehen jede Woche zu, wenn bei „Wer wird Millionär?“ die Kandidaten nach den richtigen Antworten suchen. Ganz gleich, wie schwer die Frage ist, Günther Jauch, der Allwissende, sagt immer, welche der vier Antwortmöglichkeiten die gesuchte ist. In Umfragen wurde der Moderator schon zum klügsten Mann Deutschlands gewählt - niemand, so glauben viele, weiß so viel wie er.

Dass bei „Wer wird Millionär?“ aber mit Sachverhalten gespielt wird, die längst nicht so eindeutig zu beurteilen sind, wie RTL uns das glauben machen möchte, hat Helmut Wüst herausgefunden, ein Zuschauer aus Offenbach: In der Sendung vom 21. Oktober 2006 hatte die Kandidatin Katharina Frank aus Fraunberg schon den Sprung von der 125.000- zur 500.000-Euro-Aufgabe geschafft. Doch dann stellte Jauch der jungen Frau eine Frage, die nicht nur sie, sondern auch Herrn Wüst zu Hause vor dem Fernseher ratlos machte: „Welches Grimmsche Märchen endet mit der Erlaubnis, eine Maus zur Pelzkappe zu verarbeiten?“

Als Lösungsmöglichkeiten bot der Monitor von Günther Jauch die Antworten A: Hänsel und Gretel, B: Der Froschkönig, C: Dornröschen oder D: Aschenputtel. Die verunsicherte Kandidatin - die Märchen kannte sie, an eine Maus konnte sie sich in keinem davon erinnern - wollte nichts riskieren und stieg aus. Die richtige Antwort laute „Hänsel und Gretel“, verkündete Jauch. Katharina Frank verabschiedete sich mit einem Gewinn von 125.000 Euro aus der Show.

RTL dankt für das Interesse ...

Helmut Wüst, Märchenkenner und Forensiker bei Gericht, griff in Offenbach zum Telefon und begann zu recherchieren. Schnell fand er heraus, dass die Originalausgabe des Grimmschen Märchens aus dem Jahr 1812 mit dem Satz endet: „Die Mutter aber war gestorben.“ Der von RTL erfragte Schlusssatz taucht zum ersten Mal in der fünften Auflage des Bandes auf und geht auf eine Textvariante in elsässischer Mundart aus dem Jahr 1842 zurück. Nicht jede der danach erschienenen Märchensammlungen schloss sich ihr an, in vielen Kinderbüchern endet das Märchen von Hänsel und Gretel statt dessen mit dem Satz über die verstorbene Mutter.

Helmut Wüst schrieb an Günther Jauch und RTL, man möge Katharina Frank doch bitte nochmals eine Chance geben, aber diesmal mit einer fairen Frage, „die für Normalverbraucher zumindest in zugänglicher Literatur auch nachvollziehbar ist“. RTL gab zu, dass es sich bei dem fraglichen Satz tatsächlich um einen Nachsatz zu dem eigentlichen Märchen handele, der teilweise in den heutigen Büchern nicht abgedruckt sei. Der Sender bedankte sich bei Helmut Wüst für sein „Interesse“, in der Hoffnung „dass wir Ihr Vertrauen wieder herstellen konnten“ - nicht verstehend, dass es hier einem Zuschauer nicht um Rechthaberei, sondern um die Fairness einer Quizsendung geht.

... und hat leider keine Zeit mehr

Helmut Wüst insistierte, dass bei der Fragestellung doch eigentlich das Original ausschlaggebend sein müsse. Eine solche Panne dürfe seiner Meinung nach bei dem großen öffentlichen Interesse an der Sendung nicht passieren. „In Sachen Vertrauensbildung dürfen Fehler korrigiert werden; unter keinen Umständen totgeschwiegen“, schrieb er an RTL. Der Sender zeigte sich unerbittlich: Man freue sich, dass eine spezielle Frage offenbar seinen „sportlichen Ehrgeiz“ geweckt habe.

Bei der Recherche der Antworten zu den einzelnen Fragen ziehe man verschiedene, seriöse Quellen heran. Widersprüchliche Angaben in anderen, vielleicht weniger ernstzunehmenden Quellen schließe das jedoch keineswegs aus, heißt es in dem Antwortbrief. Damit nun wollte Helmut Wüst sich erst recht nicht zufriedengeben und bestand weiter darauf, dass die Kandidatin ein Recht auf faire Aufgaben habe. „Bitte haben Sie Verständnis, wenn wir unsererseits keine weitere Arbeitszeit in die Erörterung dieser Angelegenheit investieren wollen und können“, beendete RTL schließlich den Briefwechsel. Katharina Frank wird keine zweite Chance bekommen - in der Welt von „Wer wird Millionär?“ hat RTL das letzte Wort und bestimmt, wer die richtige Antwort hat. Eine zweite Chance gibt es anscheinend nur im Märchen.

Quelle: F.A.Z., 13.06.2007, Nr. 134 / Seite 40
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