29.06.2011 · Während in den Zeitungen über Wen Jiabaos Reise nach Deutschland kaum berichtet wird, bedauert Peking, dass die politischen Empfindungen Deutscher nicht dasselbe Niveau haben wie die deutsch-chinesischen Handelsbeziehungen.
Von Mark Siemons, PekingGemessen daran, dass China noch nie zuvor so viele Minister zu einem Staatsbesuch entsandt hat, dass Verträge über 10,6 Milliarden Euro unterzeichnet wurden und dass sonst jedes Treffen mit einem zentralasiatischen Land in den Staatsmedien ausführlich gefeiert wird, ist das chinesische Presseecho über Wen Jiabaos Deutschland-Visite auffallend mager. Das für Außenpolitik zuständige Parteiblatt „Global Times“, eine der einflussreichsten überregionalen Zeitungen des Landes, bringt in seiner chinesischsprachigen Ausgabe überhaupt keinen Bericht, die oberste Parteizeitung „Renmin Ribao“ druckt pflichtschuldig eine Rede von Wen in Berlin nach, die führende Pekinger Zeitung „Xinjingbao“ bringt einen mittellangen sachlichen Bericht auf ihrer Seite vier. Fotos von Wen und Merkel aus Berlin zeigen auf der Titelseite nur die beiden für ausländische Leser bestimmten Zeitungen, die englischsprachige Ausgabe der „Global Times“ und die „China Daily“, die auf der Meinungsseite einen Artikel ihres Europa-Korrespondenten unter der Überschrift bringt: „Lektionen, die man von Deutschland lernen muss“. Gemeint ist die Fähigkeit, Arbeitsplätze, reales Wachstum und Waren für den Export zu generieren. Von „historischem Ereignis“ oder ähnlichen in der offiziellen Presse sonst gern gebrauchten Attributen keine Rede.
Über die Rechtsstaatlichkeitsmahnungen Merkels findet sich in der chinesischsprachigen Presse nichts, erst recht nichts über die Empörung, die der Fall Ai Weiwei in der deutschen Öffentlichkeit ausgelöst hat. Doch die Zurückhaltung, mit der der Gipfel in den offiziellen Medien behandelt wird, ist eine implizite Würdigung der Tatsache, dass „die politischen Empfindungen vieler Deutscher nicht Schritt halten mit dem Niveau, das die wirtschaftliche Zusammenarbeit erreicht hat“. So hatte es vor dem Besuch ein Deutschland-Forscher von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften ausgedrückt.
Heraustreten aus dem Schatten Europas
Für gewöhnlich wird die Schuld daran den deutschen Medien gegeben, und als Heilmittel erscheint vermehrte „Kommunikation auf hoher Ebene“: offenbar in der Erwartung, dass in der Folge dann auch die Medien ihre Haltung ändern werden. Zurzeit jedoch halten es die Pekinger Propagandagewaltigen anscheinend nicht für opportun, diese Trennung von Staat und Gesellschaft in der chinesischen Öffentlichkeit, die ja über das Internet potentiell auch Zugang zu westlichen Quellen hat, aufrechtzuerhalten und eine Völkerfreundschaft auszurufen, wo es lediglich Regierungsverhandlungen gab.
Eine andere Sache ist freilich, wie chinesische Geopolitiker das Verhältnis zu Deutschland langfristig sehen. Vor den Regierungskonsultationen ließ sich Cui Hongjian vom Chinesischen Institut für Internationale Studien mit der These zitieren, dass China und Deutschland innen- wie außenpolitisch viele Gemeinsamkeiten hätten. Als Beispiel nannte er Berlins Haltung zu Libyen, und er ging so weit, sich ein Sprichwort zu eigen zu machen, demzufolge „Deutschland ein zweites China in Europa“ sei.
Diese Ansicht scheint unter chinesischen Regierungsberatern verbreitet zu sein. Bei einem Mittagessen fragte ein Wissenschaftler eines Pekinger Thinktanks kürzlich den Berichterstatter nach seiner Meinung zu einer Idee, die in seinen Kreisen gerade stark diskutiert werde. Könne es nicht sein, dass Deutschland demnächst aus dem Schatten Europas heraustreten werde, um eine Führungsrolle in Europa und der Welt zu übernehmen – mit einigen skandinavischen Staaten vielleicht im Gefolge, mit denen es zurzeit zwar keine besonderen Beziehungen unterhalte, die jedoch mit ihm durch die Tradition einer ähnlich großen Staatsorientierung verbunden seien?
Übersehen oder verschwiegen?
Es sei doch auffallend, dass Deutschland aus der Finanzkrise fast ebenso gut herausgekommen sei wie China; jedenfalls viel besser als andere Länder des Westens. Und dies wahrscheinlich deshalb, weil Deutschland wie China vor allem auf den Export setze und dass es dem Staat bei der Bändigung der Märkte eine größere Rolle beimesse als andere kapitalistische Staaten. Sei es, wenn man die geopolitischen Linien, die die Ökonomie schon heute erkennen lässt, ausziehe, nicht wahrscheinlich, dass am Ende drei große Mächte die Welt prägen würden: Amerika, China und Deutschland?
Einwände gegen diese originelle Ansicht wollte er nicht gelten lassen – weder die fortdauernde Europa-Orientierung der Deutschen noch die mangelnde Erkennbarkeit ihres Willens zur Macht. Auch wenn die Deutschen eine herausgehobene Rolle gar nicht wollten, sagte er, könne es sein, dass die wirtschaftliche Entwicklung ihnen am Ende gar keine andere Wahl lassen werde.
Seit Chinas eigenem Wiederaufstieg haben Spekulationen solcher Art dort Konjunktur; sie verlängern Macht- und Interessenkonstellationen des neunzehnten Jahrhunderts, die von Debatten über universelle Werte weitgehend unberührt sind, in die Zukunft. Wie repräsentativ sie im Einzelnen sind, ist offen. Sicher ist vorerst nur, dass das Handelsvolumen Deutschlands mit China so groß ist wie das von Großbritannien, Frankreich und Italien zusammen und dass „China Daily“ das Foto eines lieb lächelnden deutschen Journalisten druckt, der Wen Jiabao in Berlin eine niedliche japanische Katzenfigur überreichen wollte. Dass der Journalist der Moderator einer Satiresendung war und die Katze einen Knüppel in der Pfote hielt, hat die Redaktion entweder übersehen oder verschwiegen.