05.11.2011 · Heute werden mehr als 10.000 Klimaaktivisten das Weiße Haus umzingeln. Ein Netzwerk von Ökoaktivisten organisiert den weltweiten Protest.
Von Daniel BoeseAuf seine Verhaftung hatte Will Bates, 27, seit fünf Jahren hingearbeitet. Am 25. August wurde er dann von einem Polizisten eines Einsatzkommandos vor dem Weißen Haus abgeführt, es fing gerade an zu regnen, Wills Hemd und seine Krawatte wurden durchnässt. Der Beamte in schwarzer Uniform fesselte Wills Arme hinter dem Rücken mit einem Kabelbinder, Will wurde fotografiert und identifiziert, und dann musste er sich in einen weißen Gefangenentruck setzen.
Er war der 45. US-Bürger, der an diesem Tag verhaftet wurde, es war der sechste Tag der „Tar Sands Action“ in Washington. Eine Allianz von Klimaaktivisten, darunter auch James Hansen, Nasa-Forscher und der Nestor der Klimawissenschaftler in den Vereinigten Staaten, hatten zu zwei Wochen zivilem Ungehorsam vor Obamas Amtssitz aufgerufen. Sie wollen die KeystoneXL-Pipeline verhindern, die Teersande von Kanada quer durch die Vereinigten Staaten bis zu den Raffinerien nach Texas transportieren soll - eine der dreckigsten, giftigsten und klimaschädlichsten Arten, Öl zu gewinnen. Ob sie gebaut wird, ist einzig die Entscheidung von Barack Obama, er kann bis Ende des Jahres die Genehmigung erteilen oder verweigern, ohne mit dem Kongress darüber zu verhandeln. Wird sie gebaut, wäre das „Game over für das Klima“, so drückt es James Hansen aus. Während des zwei Wochen dauernden Sit-ins wurden über 1200 Menschen verhaftet, der Protest war der bisherige Höhepunkt der Klimabewegung in den Vereinigten Staaten.
Bis zu diesem Wochenende. Heute, genau ein Jahr vor den Präsidentschaftswahlen, werden Klimaaktivisten das Weiße Haus in Washington umzingeln und Barack Obama mit Postern an sein Versprechen aus dem letzten Wahlkampf erinnern: „Lasst uns die Generation sein, die die Tyrannei des Öls beendet.“ Wills Freund Joshua Kahn Russell bereitet in der amerikanischen Hauptstadt die Aktion vor, er ist 27 und ein erfahrener Organisator: Seit Jahren reist er quer durch die Vereinigten Staaten und trainiert alt und jung in gewaltfreiem zivilen Ungehorsam. Eigentlich hätten knapp 4000 Menschen gereicht, um rund um den Sitz des Präsidenten eine Menschenkette zu bilden, doch nun haben sich über 12000 angemeldet, sie werden mit untergehakten Armen und zwei Mann tief stehen. Sie haben alle Genehmigungen eingeholt. Es soll ein freundlicher Protest werden, kein wütender.
Doch seit August ist viel passiert: Die politische Landschaft in den Vereinigten Staaten und weltweit ist erschüttert worden. Die Proteste von Occupy Wall Street haben der Öffentlichkeit gezeigt, wie schnell eine junge Bewegung sich vom Rande des Mainstreams zum politischen Konsens bewegen kann. „Die Occupy-Bewegungen wirken wie ein Turbolader für unsere Kampagne“, sagt Joshua.
Er hat in den letzten Jahren einige Demonstrationen gegen das bestehende Finanzsystem organisiert, keine hatte einen großen Effekt. Aber die Idee von Occupy, dauerhafte Camps anzulegen, hat eine unglaubliche Dynamik entwickelt. Nun wird sichtbar, dass der Protest gegen die Finanzkrise und gegen die planetare Ökokrise zwei Seiten einer Bewegung sind. Die gemeinsame Taktik ist es, die Frontlinien offenzulegen, konkrete Orte für die abstrakten Probleme zu finden: Wall Street für soziale Ungerechtigkeit, das Weiße Haus und die Pipeline für den Klimawandel.
Die Klimabewegung hat seit Jahren die Fundamente gelegt, um jetzt exponentiell zu wachsen. Will hatte 2007 mit sechs Freunden zwei Aktionstage in den Vereinigten Staaten organisiert, in 1400 Städten hatten Menschen vom Kongress starke Klimagesetze gefordert - und die damaligen Kandidaten Obama und Hillary Clinton dazu gebracht, dies zu unterstützen. Im Sommer 2007 taute dann die Arktis so weit wie nie zuvor. Die Klimaforscher hatten das Schmelzen der Arktis für Mitte oder Ende des Jahrhunderts berechnet - so stand es in den IPCC-Berichten. Aber der Klimawandel war schneller.
Also fingen die Klimaaktivisten an, die Welt zu organisieren: Will ging nach Asien, Jeremy ging nach Europa, Kelly nach Südamerika, Phil nach Afrika. Vor wenigen Wochen, am 24. September 2011, fand gerade der dritte weltweite Aktionstag ihrer Kampagne 350.org statt. Es waren über 2000 Events in 175 Ländern an diesem Tag: Fahrradkorsos in Kairo und London, Schwimmkurse auf Pazifikinseln - ein „Planet in Bewegung“, so das Motto. In den letzten drei Jahren organisierten sie insgesamt 15000 Aktionen in allen Ländern der Welt außer Nordkorea.
Der Klimawandel ist nicht nur die große Ökokrise des 21. Jahrhunderts, er ist auch der größte Generationskonflikt. Denn es geht darum, wie viel von den weltweiten Ressourcen noch übrigbleibt für diejenigen, die heute jung sind oder noch gar nicht geboren. Nun bildet sich eine globale Jugendbewegung, die der alten Umweltbewegung neue Kraft verleiht: In Afrika fährt ein Konvoi von Aktivisten von Kenia nach Südafrika zum UN-Klimagipfel im Dezember. Im Sommer 2011 traf man sich auf den „Power Shift“-Jugendgipfeln in Deutschland, Schweden, der Ukraine, Frankreich, Russland, den Vereinigten Staaten und Australien. Und immer öfter ist gewaltfreier ziviler Ungehorsam eine Taktik: Die jungen Aktivisten der britischen Gruppe „Plane Stupid“ haben Landebahnen blockiert und sich mit Sekundenkleber an den Ärmel des Premierministers geklebt - sie waren die lauteste Stimme einer Allianz, die die dritte Landebahn von Heathrow verhinderte. In Deutschland wurden dieses Jahr zum ersten Mal Kohlezüge blockiert - die Bewegung der Klimacamps hat ähnliches schon in England und Australien durchgeführt.
Und es tauchen unverhoffte Verbündete auf: Der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg spendete diesen Sommer 50 Millionen Dollar für die Anti-Kohle-Kampagne des Sierra-Clubs - dessen Jugendorganisation Sierra Student Coalition angefangen hat, existierende Kohlekraftwerke zu bekämpfen. Rund um die Welt sind es Zehntausende junger Klimaaktivisten: Die 90000 Kinder, die weltweit bei der Kampagne Plant for the Planet für Klimagerechtigkeit streiten, haben 3,9 Millionen Bäume gepflanzt. 2008 unterschrieben bei der Kampagne für Erstwähler 350.000 junge Amerikaner ein Bekenntnis zu Clean Energy als Prüfstein für ihre Wahlentscheidung.
Über drei Milliarden Jugendliche unter 25 leben heute auf der Erde - mehr als vierzig Prozent der Weltbevölkerung. Sie sind groß geworden in Zeiten, in denen die Menschheit längst mehr Ressourcen verbraucht, als der Planet zur Verfügung stellt. Für sie wird die Frage nach sauberer Energie, ausreichend Wasser, Nahrung und nicht zusammenbrechenden Ökosystemen lebensentscheidend sein. Und gerade für die deutsche Debatte, die bisher sehr auf Überalterung fixiert war, ist es wichtig zu verstehen, dass wir auf einem unglaublich jungen Planeten leben.
2009, vor dem Klimagipfel in Kopenhagen, bereiteten sich die jungen Aktivisten auf Jugendgipfeln in Neu Delhi und London, während UN-Gesprächen in Bonn vor, sie organisierten ihre Kampagnen, sammelten 500000 Dollar, um Jugendaktivisten aus Afrika und dem Pazifik nach Kopenhagen zu bringen. In Bonn verwandelt sich die Jugendherberge „Max Hostel“ mehrmals im Jahr in ein Strategiehauptquartier der Bewegung, wenn der UN-Klimatross wieder im „Maritim Hotel“ tagt. Die Aktivisten der Generation Facebook nutzen digitale Werkzeuge: Sie produzieren ihre eigenen Filme und betreiben Gemeinschaftsblogs, wie whatswiththeclimate.org in Indien.
Obwohl vielen der jungen Aktivisten klar ist, dass der ungezügelte Spätkapitalismus einen großen Anteil an den Kohlendioxid-Emissionen und den laxen Entschlüssen der Klimapolitiker hat, verlieren sie sich nicht in ideologischen Debatten, sondern folgen dem Motto: „Pick your battles.“ Sie fragen genau, welchen Kampf sollen wir austragen? Dann fokussieren sie auf machbare Ziele: ein Kohlekraftwerk schließen, nationale Reduktionsziele für Kohlendioxid erhöhen, die Finanzierung von Kohlekraftwerken oder Teersandabbau durch eine bestimmte Bank beenden. Ein großes Ziel ist klar: Weltweit keine Kohlekraftwerke mehr ab 2030.
Bis zum Kopenhagener Klimagipfel hofften viele der Aktivisten Anfang zwanzig, dass Politiker wie Angela Merkel, Gordon Brown und Barack Obama, das einzig Vernünftige aus Sicht der Jugendlichen tun würden: einen weltweiten Klimavertrag unterschreiben. Heute ist ihnen klar: Geopolitik dauert länger.
Will wurde nach der Aktion am Weißen Haus ins Gefängnis gebracht, inzwischen ist er zurück in Europa. Seine Freunde und Mitgründer von 350.org, Jamie Henn und Jeremy Osborn, pendeln dagegen gerade zwischen New York und Washington. Zusammen mit Autor Bill McKibben waren sie im Zuccotti-Park in Manhattan, um Occupy Wallstreet zu unterstützen. „Die Wall Street hat unsere Atmosphäre besetzt“, sagt Bill. Sie leisten auch praktische Hilfe: Klimaschützer haben die Dieselgeneratoren von Occupy Wall Street durch emissionsfreie Fahrradgeneratoren ersetzt.
Auf einmal fragen Tausende Menschen in New York und ganz Amerika: Wie bauen wir eine Bewegung auf? Was sind unsere Ziele? Wie verändern wir Politik und Wirtschaft? Genau die Fragen, die Will, Joshua, Kelly, Bill und Tausende junger Aktivisten seit Jahren stellen. Gerade erreichen sie eine kritische Masse. Und merken, wie viel Spaß das macht. Die Umzingelung des Weißen Hauses ist nicht das Ende, der nächste Schritt ist schon geplant: Ende November werden ehemalige Wahlkampfleiter von Obama die Büros seiner Kampagne für 2012 einen Tag lang besetzen und von den Telefonen und Computern zu Aktionen gegen die Keystone-Pipeline aufrufen. Sie wollen Obamas Job erledigen.
Aufgehetzt im Namen des ganz großen Abkassierens
Marvin Parsons (mapar)
- 06.11.2011, 21:48 Uhr