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Weltordnung Der Godzilla unter den Nationen

21.10.2008 ·  Wieviele Ingenieure braucht ein Imperium? Und wieviel Benzin? Eine Münchner Tagung fragt nach den heutigen Kandidaten für eine politische Weltmachtstellung. Zwischen den Vereinigten Staaten, Europa, Russland und China sind die Verhältnisse neu zu bestimmen.

Von Thomas Speckmann
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Als Ende August die BMW-Stiftung Herbert Quandt ihre Einladung verschickte, klang der Konferenztitel noch recht hoch- gegriffen: „Who will lead the world?“ Selbst vor dem Hintergrund des Georgien-Krieges dürfte sich mancher gefragt haben, ob es nicht auch eine Nummer kleiner ginge. Doch dann kam die Finanzkrise, und alle Welt war sich einig, dass danach nichts mehr sein wird wie bisher. Die Frage auf dem Einladungsschreiben aus München erschien plötzlich in neuem Licht. Jürgen Chrobog von der BMW-Stiftung und Christian Hacke vom Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie der Universität Bonn, die im Herbst zu einer Tagung über Herausforderungen der transatlantischen Welt laden, hatten mit dem Thema ins Schwarze getroffen. Wann war die Politikwissenschaft schon einmal schneller als die Realität?

Wer also wird die Welt führen? Weiterhin die Vereinigten Staaten? Christian Hacke zeigte sich reserviert. Die Auswirkungen der amerikanischen Finanzmarktkrise auf die Machtposition der Vereinigten Staaten seien nicht absehbar. Für ihn blieb als Schlüsselfrage, ob es Washington gelingen werde, vom „Trouble Maker“ zur Rolle des „Trouble Shooter“ zurückzukehren. Dass dies jedoch nicht ohne Hilfe von außen geschehen könne, verdeutlichte John Hulsman. Der Gelehrte vom Alfred von Oppenheim-Zentrum in Berlin appellierte an Europa, seinem Heimatland zu helfen. Dabei war es für ihn nicht ausschlaggebend, ob dies durch die Europäische Union oder einzelne ihrer Mitgliedstaaten geschieht. Die Hauptaufgabe für den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten sah er in der Integration aufstrebender Mächte in die westliche Wirtschaftsordnung.

Die Supermacht und ihr Juniorpartner

Stephan Bierling von der Universität Regensburg warnte die Europäer indes davor, sich angesichts der vermeintlichen Schwäche der Amerikaner nun selbst zu überschätzen. Die transatlantische Rolle der Europäer werde zwar wichtiger, da sie wie kaum ein anderer den Vereinigten Staaten Legitimität für ihr Handeln verleihen könnten. Amerika bliebe aber weiterhin eine Supermacht und Europa der Juniorpartner.

Vor allem diese These rief zwei Praktiker auf den Plan. Gunter Pleuger, ehemals ständiger Vertreter Deutschlands bei den Vereinten Nationen und seit Oktober Präsident der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder, gab zu bedenken, dass Juniorpartnerschaft mit den Vereinigten Staaten in der Vergangenheit bedeutet habe, keinen Einfluss auf Washington auszuüben - und das nicht nur unter der Regierung von George W. Bush, auf die in der Irak-Kriegsdebatte selbst Großbritannien keine Wirkung erzielt hätte. Bereits im Kosovo-Krieg unter Bill Clinton sei die Zusammenarbeit bei der Zielauswahl für die Bombardierungen schwierig gewesen. Daher könne allein eine ausbalancierte Partnerschaft das Modell für die Zukunft sein.

Unterstützung erfuhr Pleuger hier von Rüdiger Freiherr von Fritsch. Der Leiter der Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amtes wandte gegenüber Bierling ein, dass der Georgien-Krieg weder durch die Vereinigten Staaten noch durch die Vereinten Nationen, sondern allein durch die Europäische Union aufgehalten worden sei. Auch in der globalen Finanzkrise habe sich gezeigt, dass Europas Diplomatie funktioniere.

Europas gefährlicher östlicher Nachbar

Ganz so optimistisch wollte Anatol Lieven vom King's College London Europas Rolle in Bezug auf Russland nicht sehen. Moskau sei zwar wirtschaftlich abhängiger von den Europäern als umgekehrt. Aber dafür sei Russland darauf vorbereitet, seine Einflusszonen zu verteidigen, der Westen hingegen nicht. Wer nun einen neuen Kalten Krieg heraufziehen sah, der wurde von Alexander Rahr beruhigt. Der Russland-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik glaubt, dass Moskau einen dauerhaften Frieden mit der Nato wünscht.

Der Kreml akzeptiere die Existenz der nordatlantischen Allianz, wende sich aber strikt gegen eine weitere Erweiterung nach Osten in Richtung Ukraine und Georgien. Ferner möchte Moskau den militärischen Beistandsartikel 5 des Nato-Vertrages in Bezug auf russisches Handeln außer Kraft gesetzt sehen. Hoffnungen, im Gegenzug könne Russland ein Juniorpartner des Westens werden, erstickte Rahr jedoch im Keim.

Neue Kartelle

Moskau werde auf absehbare Zeit die westliche Werteordnung nicht teilen. Eine Politik der gegenseitigen Akzeptanz sei daher der einzig gangbare Weg, zumal sich der nächste große Konflikt zwischen Russland und dem Westen schon ankündige: die mögliche Gründung eines Kartells mit anderen Gas-Exporteuren wie Venezuela oder Algerien nach Vorbild der Opec. Falls sich die Nato eines Tages aus Afghanistan zurückziehen sollte, wird nach Rahrs Prognose die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit mit ihren bisherigen Mitgliedern China, Russland, Usbekistan, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan eine Schlüsselrolle im zentralasiatischen Antiterrorkampf übernehmen.

Wie stark sich gerade in diesem Teil der Welt die globale Machtverteilung wandelt, machte Yu Bin (Springfield, Ohio) deutlich: 200 bis 250 Millionen Chinesen lernten derzeit eine Fremdsprache. China bilde jährlich zehn Mal mehr Ingenieure aus als der Rest der Vereinten Nationen. Auch Europa müsse verstehen, dass es kein Monopol auf einen eigenen Weg habe. China habe das gleiche Recht - und werde es verstärkt einfordern, mochte man nach den Ausführungen von Frank Sieren ergänzen. Der künftige Korrespondent der „Zeit“ in Peking warf zentrale Fragen für die neue Weltordnung nach der Finanzkrise auf: Wie viele weitere Milliarden wollen die Chinesen noch in den Vereinigten Staaten investieren? Welche Anteile am globalen Markt ist der Westen bereit, China im Gegenzug zu geben?

Godzilla der westlichen Hemisphäre

Eberhard Sandschneider, Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, brachte die Ironie der gegenwärtigen Ereignisse auf den Begriff: „Eines der letzten sozialistischen Systeme rettet womöglich den westlichen Kapitalismus.“ Dieser Retter ist nach John J. Mearsheimer (Chicago) auch die einzige Macht, die den Vereinigten Staaten an Machtfülle derzeit näher kommen kann. Dem Aufstieg des einen müsse aber nicht der Abstieg des anderen folgen. Seine Heimat bleibt für Mearsheimer der „Godzilla“ in der westlichen Hemisphäre. Sein Land habe zwar in Vietnam verloren, aber den Kalten Krieg gewonnen.

Selbst eine Niederlage im Irak würde Amerika nicht elementar schwächen. Hingegen sei eine amerikanische Dominanz im Nahen Osten nicht möglich, solange Washington Israel uneingeschränkt unterstütze. Dies schade auch den Israelis selbst. Für die Zukunft der Vereinigten Staaten hält er die Frage für entscheidend, ob die internationale Gemeinschaft von einer zeitweisen Bush-Kritik oder von einer dauerhaften Amerika-Kritik geprägt sein wird. Eine Antwort auf diese Frage konnte oder mochte aber in München niemand geben.

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