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Weltkulturerbe Scheinriese

 ·  In Timbuktu zerstören radikale Islamisten Kulturgut. Regierung und Vereinte Nationen schauen hilflos zu. Die Unesco ist ohnmächtig und ernennt gleichzeitig neue Welterbestätten.

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Zehn bis an die Zähne bewaffnete Fanatiker zerschlagen Weltkulturerbe - und eine Stadt, eine Regierung, ja die ganze Welt schaut hilflos zu. In Timbuktu haben vorgestern vor laufender Kamera radikale Islamisten, vereint in der mit Al Qaida verbündeten Organisation Ansar al Din (Verteidiger des Islam), auf weitere Mausoleen der berühmten Wüstenstadt sowie eine der beiden kostbaren, um 1440 entstandenen Moscheen eingehämmert. Hämmer genügen, denn die Bauten bestehen aus luftgetrockneten Lehmziegeln.

Unantastbare Denkmäler

Wie schon 2001 bei den Buddhas von Bamijan oder dem Vandalismus in Babylon, Ninive und Bagdad während des Irak-Kriegs 2003 vermag nichts den Wahnwitz zu stoppen. Im Gegenteil, er hat eine neue souveräne Form angenommen: Gelassen und überheblich wie ein Staatsoberhaupt blickte der Anführer des Gesindels in die Kamera und fragte, wie es ein Mensch habe wagen können, jemand anderen als Allah anzubeten. „Wir werden alles zerstören und dann die Scharia in dieser Stadt anwenden“, sprach’s und drosch auf einen Kuppelbau ein, der ihm das gehasste Symbol von Götzendienerei ist, weil andere Muslime dort im Gedenken an tote Gelehrte beteten. Was erschüttert mehr? Die Borniertheit, Rücksichtslosigkeit und Brutalität dieser Fanatiker? Die Hilflosigkeit der Regierung von Mali, die nichts anderes kann als ankündigen, sie werde vor den Internationalen Staatsgerichtshof ziehen? Der folgenlose Appell von UN-Generalsekretär Ban Ki moon, Gespräche zu führen? Oder doch die Ohnmacht der Weltorganisation Unesco, deren Aufruf zu Respekt vor dem Welterbe ihre Ohnmacht umso deutlicher macht? Die hehre Hoffnung, Unesco-Status werde Denkmäler unantastbar machen, ist mit dem Anbruch des neuen Jahrtausends zuschanden geworden. Nur die Unesco scheint das nicht bemerkt zu haben: Am selben Tag, an dem in Timbuktu unersetzliche, seit 1988 zum Welterbe gehörige Kulturgüter vernichtet wurden, kam von ihr kein Aufschrei, wurde keine Sondermaßnahme oder die Entsendung von Boten beschlossen, sondern stolz verkündet, man habe weitere 26 Welterbestätten gekürt.

Fassungslos ob dieser Lächerlichkeit sucht man Trost in Kindheitserinnerungen. In der beispielsweise an Michael Endes Herrn Turtur, jenen in der Wüste lebenden Scheinriesen, der wächst, wenn man sich von ihm entfernt, und auf Normalgröße schrumpft, wenn man sich nähert. So gesehen, ist uns die Riesenorganisation Unesco derzeit sehr nah.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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