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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Weltkriegsrhetorik am Gartenzaun Bösnachbarlich

 ·  In Großbritannien ist auch die alte Regel „Don’t mention the war“ nur da, um gebrochen zu werden. Ein Einwohner der Grafschaft Kent trieb es etwas weit: Vier Jahre lang quälte er seine deutschen Nachbarn.

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Wenn Nachbarn sich über Grundstücksgrenzen streiten, greifen Lokalblätter gern auf die Terminologie des Krieges zurück. Das Katasteramt für England und Wales erhält jedes Jahr rund 4,5 Millionen Beschwerden über derlei Grenzwertiges, bei denen es oft nur um Zentimeter geht, das sich aber oft zu erbitterten Kämpfen ausweitet - die im Kleinen nachspielen, was auf der Weltbühne zu Katastrophen führen kann.

In der Grafschaft Kent, dem Garten Englands, wuchs sich solch ein Nachbarschaftsstreit jetzt zu einer besonderen Art psychologischer Kriegsführung aus. Dort hat ein erboster Mathematiklehrer seinen deutschen Nachbarn vier geschlagene Jahre lang gequält: zuvörderst mit Schlachtgesängen aus dem Zweiten Weltkrieg. So dröhnte Vera Lynns patriotischer Schlager über die weißen Felsen von Dover und „Rule Britannia“ über den bilateralen Zaun. Der verdrossene Brite soll außerdem die Melodie aus dem Film „The Dambusters“ über die britische Bombardierung sauerländischer Staudämme im Mai 1943 gepfiffen haben, die übrigens auch ein beliebter Klingelton fürs nationale Mobiltelefon ist. Auch soll er Churchills mitreißende Kriegsreden rezitiert, die Nachbarn Nazis genannt, im Stechschritt exerziert und den Arm zum Hitlergruß hochgerissen haben. Das Gericht verurteilte ihn jetzt wegen rassistischer Belästigung und erließ eine einstweilige Verfügung, die ihm das Spielen von lauter Musik und „bedrohliches, ausfälliges und beleidigendes Verhalten“ untersagt. Außerdem darf er den Krieg nicht erwähnen.

Die „Krauts“: zuverlässig, freundlich, vertrauenserweckend

„Don’t mention the war!“ war einst der berühmte Befehl, den der Hotelier (John Cleese) in der legendären Fernsehserie „Fawlty Towers“ an seine Mitarbeiter ausgab, vor deutschen Feriengästen bloß nicht den Krieg zu erwähnen. Basil Fawlty kann es aber selbst nicht unterlassen und steht damit für die Nation, die unablässig über den Krieg redet, wie das Fernsehprogramm, der Geschichtslehrplan und das Sortiment von Flughafenbuchhandlungen bezeugen.

Umso erstaunlicher, dass die „Krauts“ (die deutschen Sauerkrautfresser) in britischen Umfragen besser abschneiden als die „Frogs“ (die französischen Froschschenkelfresser). Die Deutschen gelten als deutlich zuverlässiger und freundlicher. Selbst bei der Frage, wie wahrscheinlich es sei, dass Frankreich oder Deutschland in eine Diktatur abgleiten könnten, hegen die Briten mehr Vertrauen in die Deutschen als die Franzosen.

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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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