15.10.2003 · Drei Männer, drei Geschichten von Auf- und von Abstiegen: Michel Friedman, Lothar Matthäus und der Borderline-Journalist Tom Kummer. Ruhig war's um diese drei - doch jetzt präsentieren sie gleichzeitig neue Projekte.
Drei Männer. Drei Geschichten von Auf- und von Abstiegen, von großen Karrieren, die mehr oder weniger unsanft und schmerzvoll endeten, drei schillernde Typen, die aus dem Licht der Öffentlichkeit gedrängt wurden und sich nun an die mühsame Arbeit machen, ein Comeback in Angriff zu nehmen. Drei Schicksale, drei Namen: Tom Kummer, Lothar Matthäus und Michel Friedman.
So unterschiedlich ihre Lebenswege verliefen, so unübersehbar sind doch die Gemeinsamkeiten dieser drei einstigen Lichtgestalten, die es in ein Schattenreich verschlagen hat. Zum Beispiel Tom Kummer: Keiner führte aufregendere Interviews als dieser Mann, der in Hollywoods Glamourwelt ein- und auszugehen schien, der Stars wie Sharon Stone intimste Geständnisse entlockte, von denen autorisierungs- und floskelgeplagte Kollegen nur träumen konnten. Lothar Matthäus erlang als Fußballer ungezählte Titel und kam auf 150 Länderspiele, eine Zahl, die ein Rekord für die Ewigkeit bleiben könnte. Michel Friedman schließlich war in vielerlei Hinsicht ganz oben: als Fernsehstar und -moderator, als Amtsträger, als Gesellschaftslöwe.
Der Absturz
Dann stürzten sie ab. Friedman wurde wegen Drogenkonsums verurteilt und zog sich von allen Posten zurück. Tom Kummer wurde zur Persona non grata im Journalismus, als aufflog, daß er sich seine schönen Interviews nur ausgedacht hatte. Und Matthäus, in seiner langen Karriere ohnehin stets für (vor allem verbale) Ausrutscher gut, verstrickte sich in einen peinlichen Rechtsstreit mit seinem früheren Arbeitgeber Bayern München. Als Jungtrainer zog es ihn dann in eine Region, auf die deutsche Sportjournalisten ihre Kameras selten richten: Er ging zu Partizan Belgrad.
Friedman, Matthäus, Kummer: Manchen werden diese professionellen Polarisierer schon gefehlt haben. Doch erfahrungsgemäß bleibt es um solche Männer nicht lang ruhig. Und tatsächlich melden sie sich an diesem Mittwoch allesamt zurück - mit neuen Plänen und Tönen.
Ein wunderbares Team
Michel Friedman präzisiert gegenüber der „Welt“ seine auf der Frankfurter Buchmesse bekanntgegebene künftige Arbeit für den Aufbau-Verlag. „Ich werde mit einem wunderbaren Team des Verlages über 60 Bücher im Jahr zu verantworten haben. Sechs Bücher werde ich unmittelbar herausgeben. Wir werden eine neue Reihe starten. Zwei Interviewbücher werde ich im Jahr selber verfassen. Die Gespräche werde ich mit Persönlichkeiten aus der Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft führen.“ Darüber hinaus kündigt Friedman Kolumnen für Zeitungen sowie politische Kommentare für einen Berliner Radiosender an. Und was ist mit dem Fernsehen? „Geduld. Langsam, langsam. Fernsehen ist eine meiner Leidenschaften. Alles andere wird die Zeit bringen“, sagt Friedman. Doch daß die Zeit ihm in dieser Hinsicht etwas bringen wird, daran besteht eigentlich kein Zweifel.
Er „wird mal geliebt, mal verteufelt - kalt läßt er niemanden“. Und jetzt, wo er wieder schreibt, dürfen sich die Leser „auf kluge Gedanken und mutige Texte freuen“. Das sagt nicht der Chef des Aufbau-Verlags über Michel Friedman, sondern der Chefredakteur von „Sport Bild“ über seinen Kolumnisten, der von nun an regelmäßig anstelle Günter Netzers schreibt: Lothar Matthäus.
Viel gelernt - ein Problem
Wer weiß, was Lothar Matthäus schon so alles von sich gegeben hat, der muß der Ankündigung zumindest insofern zustimmen, als es mutig genug von Lothar Matthäus ist, überhaupt etwas zu schreiben. Aber „kluge Gedanken“? Wir wollen sehen. „Andreas Hinkel hat in kürzester Zeit viel gelernt. Das führt zu einem Problem auf der rechten Seite.“ Hm. Und was meint Matthäus zur linken Seite? Dort habe man gesehen, daß „es mit Tobias Rau und Christian Rahn Alternativen gibt. Man darf nicht überkritisch umgehen mit Rahn. Ihn und Rau kann man noch nicht beurteilen.“ Alternativen, die man noch nicht beurteilen kann? Sind es dann überhaupt welche?
Der wichtigste Absatz aber findet sich weiter vorne, wo Matthäus über seinen Job in Belgrad schreibt: „Ich versuche von morgens bis abends mein Bestes zu geben und irgendwann mal in einer Liga zu trainieren, in der Fußball einen höheren Stellenwert hat als in Serbien-Montenegro, wo man oft noch die Nachwehen der politischen Situation zu spüren bekommt.“ Mit anderen Worten: Der Mann wartet auf Angebote. Bundesliga, bitte melde dich!
Korrekte Recherche
„Ich bin froh, daß ich wieder durch Arbeit und kreative Leistung wahrgenommen werde.“ Das hat Michel Friedman der „Welt“ gesagt. Bei Tom Kummer, den die „Berliner Zeitung“ interviewt hat, klingt das so: „In meiner journalistischen Arbeit wird in Zukunft nichts mehr getestet, sie wird von verifizierbaren Fakten, korrekter Recherche und Einhaltung der Sorgfaltspflicht gekennzeichnet sein - Faktenprüfer werden meine neuen Bodyguards sein.“ Kummers neues „Testgebiet für Sprache“ aber ist ein Roman namens „Sleeper Cell“, der in der „Jungle World“ seit einiger Zeit in Fortsetzungen gedruckt wird - bislang ohne Nennung des Autors.
Doch nun ist Kummer enttarnt. Und sagt Rätselhaftes zu seiner neuen Roman-Mission, die er von einer Hütte in der amerikanischen Mojave-Wüste aus betreibt: „Unsere ehemaligen Auftraggeber in Deutschland nahmen Kontakt mit uns auf. Sie aktivierten unsere Zelle und gaben klare Angriffsziele durch. Davon handelt dieser Kolumnen-Roman.“ Was den Journalismus betrifft, so hat es Kummer offenbar nicht gar so eilig, dorthin zurückzukehren, wie Matthäus in die Bundesliga oder Friedman ins Fernsehen: „Natürlich ist die Abbildbarkeit von Realität in den Medien ein ganz besonders faszinierendes Thema - aber daran beteiligen möchte ich mich für lange Zeit nicht mehr.“
Und dann sagt Tom Kummer noch etwas, was uns zu denken gibt: „Der Autorschaft wird eh viel zu viel Bedeutung zugemessen: Vergeßt mal, wer diesen und jenen Text geschrieben hat! Interessiert euch lieber für Sprache, nicht für Namen!“ Keine Frage, mit dieser Empfehlung hat er schon recht. Nur wer könnte sich daran halten, wenn es um Namen wie Matthäus, Friedman und Kummer geht?