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Wellenreiter Wir waren alle live dabei

03.09.2004 ·  Als die russischen Truppen die besetzte Schule stürmten, waren Millionen von Gaffern mit vor Ort: Bilder von schwerverletzten, halbnackten Kindern, Männern und Frauen wurden ungefiltert vom Fernsehen in die Welt übertragen.

Von Jörg Thomann
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Wir sind alle dabeigewesen. Egal, welchen Sender wir eingeschaltet hatten, ob ARD, ZDF, Sat.1, RTL, n-tv, N24, CNN oder BBC: Als die russischen Truppen die besetzte Schule in Nordossetien stürmten, haben wir es alle mitangesehen.

Zwar konnten wir nicht in das Schulgebäude hineinblicken, doch was davor geschah, wir erlebten es hautnah: Ob wir wollten oder nicht. Seit Beginn des Dramas hatten sich Hundertschaften von Reportern und Kamerateams aus aller Welt nahe der Schule niedergelassen. Sie wußten, was kommen würde, und als es am Freitag mittag losging, war der Einsatz sofort auf Sendung. Die Nachrichtenagenturen konnten da nicht mithalten. Als sie ihre ersten Meldungen über den Ticker schickten, daß die Schule „offenbar gestürmt“ werde, da wußten wir schon längst Bescheid.

Salven und Explosionen

Wir hatten sie live mitangehört, die Sirenen, die Salven aus den Maschinengewehren, die Explosionen. Wir hatten Panzer gesehen und aufsteigenden Rauch und vor allem, wie die Geiseln mit letzter Kraft ins Freie rannten, etliche kleine Kinder darunter, nackt bis auf die Unterhosen, da ihnen die Geiselnehmer die Kleider abgenommen hatten. Entkräftete Menschen, die offenbar tagelang nichts zu trinken bekommen hatten, griffen nach Wasserflaschen, umarmten sich, wurden von Soldaten auf Tragen gelegt. Männer in Uniformen trugen Kinder im Arm, Verletzte wurden in Krankenwagen gebracht. „Sie sind live dabei bei der Entscheidung im Geiseldrama“, ließ der neue Sat.1-Anchorman Thomas Kausch jene Zuschauer wissen, die sich gerade erst zugeschaltet hatten.

Es ist eine menschliche Tragödie, die sich in Beslan abspielt, doch aus der sicheren Distanz des Fernsehsessels trägt sie unwirkliche Züge - zumal da wir die Szenerie zunächst aus der Vogelperspektive betrachten: das Gewimmel aus in Reihen stürmenden, Gewehre tragenden Soldaten, kreuz und quer fliehenden Kindern, halbnackten Frauen und blutüberströmten Verletzten, deren Würde in der Hektik des Geschehens nichts mehr wert ist. Die Zahl der Gaffer geht in die Millionen, und erst als auf dem Fernsehschirm das Bild einer wütenden Frau erscheint, die auf einen Kameramann losgeht, dürfte es manchem bewußt werden, daß wir hier nur Störenfriede sind, die im Wege stehen.

Trauriges Reality-TV

Wäre dieser traurige Höhepunkt des Reality-TV möglich gewesen, hätte es sich um eine deutsche Schule gehandelt? Wären die Reporter stärker auf Distanz gehalten worden? Die Bilder aus Beslan wird man nicht vergessen, doch man hätte sie nicht wirklich sehen wollen - auch wenn, wie sich Katja Burkard bei RTL wunderte, die meisten Menschen „einen recht gefaßten“ Eindruck machten. Waren es der Emotionen noch nicht genug? Vielleicht auch deshalb blendeten RTL und Sat.1, als es am Schauplatz zwischenzeitlich ruhiger wurde und die dramatischsten Szenen fliehender Kinder noch einmal liefen, den Hinweis nicht ein, daß dies keine Live-Bilder mehr waren.

Auch wenn viele Geiseln dem Tod entkommen sind: Der Freitag war ein schwarzer Tag, nicht nur für die Menschen im Kaukasus. Doch auch an einem solchen Tag gibt es Sieger, jedenfalls aus der Binnensicht: Seit 11.21 Uhr, teilt RTL in einer Presseerklärung mit, sei man mit der Spezial-Sendung „Sturm auf Schule“ „als erster Fernsehsender live auf Sendung“ gewesen.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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