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Wellenreiter Wir sind Papst. Was nun?

20.04.2005 ·  Ist die Wahl Joseph Ratzingers gut für Deutschland und die Deutschen? Werden wir ihm seinen Aufstieg verzeihen? Hat Dan Brown schon gratuliert, und was wird aus Franz Beckenbauer? Laienhafte Fragen zur Papstwahl.

Von Jörg Thomann
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„Wir“, schreibt die „Bild“-Zeitung in ihrer Schlagzeile, „sind Papst!“ Haben wir nicht schon genug Lasten zu schultern?

Ist mit der Wahl eines Deutschen zum Papst nun endgültig der Zeitpunkt gekommen, wie ein junger Mann gestern abend in den Sat.1-Nachrichten sagte, einen Schlußstrich unter die Vergangenheit unseres Landes zu ziehen?

Und gilt das auch für die Engländer, deren größte Boulevardzeitung „Sun“ mit der Schlagzeile aufmacht: „From Hitler Youth to... Papa Ratzi“?

Weiß man im Vatikan, daß die Kür Ratzingers nur einen Tag vor dem Geburtstag Adolf Hitlers erfolgte? Und hat man durch den schnellen Abschluß des Konklave eine Kollision mit diesem Termin zu vermeiden gesucht?

Wird der Priesterberuf in Deutschland jetzt plötzlich cool?

Werden wir uns in der Welt mehr zuhause fühlen als vorher, wenn wir auf Reisen noch in der entlegensten Indio-Hütte auf das Foto eines Landsmanns stoßen?

Haben wir Deutschen nun einen besseren Draht zu Gott?

Als Karol Wojtyla Papst wurde, galt dies als Warnsignal an die verknöcherte Führung seines in starren Strukturen gefangenen, geknechteten Heimatlandes. Wie soll die deutsche Bundesregierung nun die Wahl Joseph Ratzingers interpretieren?

Wäre es dem neugewählten Papst aus irgendeinem anderen Land dieser Welt passiert, am Tag seiner Wahl in einem Fernsehsender seiner Heimat von einem Reporter als „Betonkopf“ geschmäht zu werden?

Wird sich der Glaube unter dem neuen Papst von einer Herzenssache zu einer des Kopfes entwickeln?

Wie stehen jetzt, nachdem mit Ratzinger bereits ein Deutscher aus Bayern in eine wichtige internationale Führungsposition gewählt wurde, die Chancen Franz Beckenbauers, Präsident der Fifa zu werden?

Und was bedeutet Ratzingers Wahl für die Kanzlerambitionen Edmund Stoibers?

Klingt „Benedikt der Sechzehnte“ nicht arg epigonenhaft?

Ist Joseph Ratzinger schon jetzt der berühmteste Deutsche? Und falls ja: Kann „Schumi“ nun wieder unbeschwerter seine Runden drehen?

Werden die täglichen Schaltungen live vor den Kölner Dom nun fester Bestandteil unserer Fernsehnachrichten?

Wird Georg Ratzinger, der Bruder des neuen Papstes, zu einer ähnlich populären Medienfigur avancieren wie der berüchtigte Kanzler-Halbbruder Lothar Vosseler?

Steigt mit Ratzingers Wahl der Marktwert deutschsprachiger Kirchenkritiker wie Drewermann und Küng?

Gibt es Joseph Ratzingers Gesicht schon auf Handtüchern und Kaffeetassen?

Spricht Ratzinger tatsächlich, wie der Wiener „Standard“ schreibt, in einer „Moshammer-Intonation“?

Ist die Wahl eines Achtundsiebzigjährigen zum neuen Papst Teil des Methusalem-Komplotts?

Wird Joseph Ratzinger zum Gorbatschow des Vatikan?

Ist der Übergang von der schillernden Lichtgestalt Wojtyla zum „einfachen, demütigen Arbeiter“ Ratzinger zu vergleichen mit dem Wechsel von Franz Beckenbauer zu Berti Vogts - mit denselben verheerenden Folgen für die Spielfreude der Mannschaft?

Hat Dan Brown schon ein Glückwunschtelegramm geschickt, weil sich unter einem Papst Ratzinger seine Bücher über geheimnisumwitterte, düstere Verschwörungen im Vatikan noch besser verkaufen dürften?

Droht uns nun eine Renaissance des kirchenkritischen Kabaretts?

Ist Horst Köhler als oberste Instanz in allen politischen und moralischen Fragen nun auf Rang zwei verwiesen worden?

Wird man Ratzinger in Deutschland noch viel heftiger attackieren als seinen Vorgänger, weil wir erfolgreichen Landsleuten bekanntermaßen den Erfolg nicht gönnen?

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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