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Wellenreiter Weise Worte weiser Männer

26.03.2004 ·  Was der Wille erstrebt, verfehlt er: „Cicero“ versteht sich als Sprachrohr für politische Kultur.

Von Andreas Platthaus
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Statt eines Editorials gibt es ein Personenverzeichnis, und an dessen Spitze steht der Namensgeber der neuen Zeitschrift: Cicero. „Wer könnte“, so steht es am Ende der lexikalisch knappen Biographie, die kurzerhand unterschlägt, daß den einstigen Konsul Roms auch seine legendäre Beredsamkeit nicht vor der Ermordung hatte retten können, nachdem Octavian ihn geächtet hatte, „wer könnte Deutschlands neuem Magazin für politische Kultur einen besseren Namen geben als Cicero?“

Ja, wer denn außer diesem Repräsentanten einer untergegangenen Republik? „Köhler“ klänge in der Tat eher wie die Mitgliederzeitschrift eines Berufsfachverbandes, „Schwan“ wie ein Magazin für Tier- oder Ballettfreunde. Beide allerdings, Horst Köhler wie Gesine Schwan, sind im ersten Heft von „Cicero“ vertreten, und das ist doch immerhin ein Coup. So eng kommen die zwei so schnell nicht wieder zusammen. Frau Schwan ruft die politisch-kulturelle Überlegenheit Polens aus, Herr Köhler die der Vereinigten Staaten. Man könnte auch, um den Namensgeber von „Cicero“ zu bemühen, von einem Abrufen der Topoi sprechen.

Als „loci communes“ übersetzte Cicero in seinem „Brutus“ den griechischen Begriff, und wir können ihn aus dem Lateinischen geradezu wortwörtlich übertragen: Gemeinplätze. Ciceros „Topik“ analysierte sie, „Cicero“ ist reich daran. Das fängt mit Hellmuth Karaseks und Robin Detjes Glossen unter den Titeln „Kammerspiele“ und „Fabelhaft“ an, in denen mit schöner Gleichverteilung prominente Vertreter aller deutschen Parteien, die im Bundestag Fraktionsstatus genießen, durch den Kakao gezogen werden. Erste Lehre aus „Cicero“: Politische Kultur verlangt Ausgewogenheit.

Irgendwo jenseits des Mittelfalzes, also da, wo alles landet, was in einem Journal nicht zur ersten Kategorie gezählt wird, belehrt Klaus Harpprecht darüber, daß die Epoche der Belehrungen vorbei sei. Sein Nekrolog auf den Leitartikel als publizistische Institution hätte Ciceros helles Entzücken erregt, der 44 vor Christus eine große Studie über die Wahrsagung („De divinatione“) verfaßt hat. Zweite Lehre aus „Cicero“: Politische Kultur verträgt Banalität.

Drei Lehren

Für sieben Euro pro Ausgabe gibt es fünf Rubriken: „Weltbühne“, „Berliner Republik“, „Medienmacht“, „Kapital“ und „Salon“. Es ist gewiß ein gutes Zeichen, daß allein drei davon den Titeln anderer Zeitschriften entsprechen und eine den Namen eines gutgemachten Online-Magazins entlehnt hat. Weniger gelungen mag sein, daß der Leser auf der ersten redaktionellen Seite mit dem Slogan „Willkommen im gedruckten Salon“ begrüßt wird, womit doch gleich vier Rubriken als belanglos abgetan werden. Wenigstens sind die dieser Zeitung eng verbundenen Autoren von „Cicero“ fast alle im „Salon“ vertreten. Dritte Lehre aus „Cicero“: Politische Kultur verkraftet Widersprüchliches.

Drei Lehren - das ist doch gar nicht so schlecht. Und schließlich, auf der allerletzten Seite, folgt doch noch das Editorial, verfaßt von Wolfram Weimer, Gründer und Chefredakteur von „Cicero“, unser Cicerone also. Bevor wir die heimeligen Seiten seines Blattes auf dem Weg in die Schlangengrube des Alltags verlassen, gibt er uns auf den Weg mit, daß Ironie immer die letzte Phase der Enttäuschung sei. Schockiert lassen wir das Blatt sinken und gehen noch einmal zum ersten Absatz unseres Artikels. Und dann sehen wir, daß alles gut ist und Wolfram Weimer ein weiser Mann.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 26.03.2004, Nr. 73 / Seite 44
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