15.03.2005 · Gestärkt geht Angela Merkel in den Job-Gipfel: Sie wurde zur „wichtigsten Ostdeutschen“ in der Politik gewählt. Gefordert wird, daß auch Horst Köhler am Gespräch teilnimmt - als Schiedsrichter. Oder als Verkehrspolizist?
Von Jörg ThomannHerzlichen Glückwunsch, Angela Merkel! Der CDU-Vorsitzenden ist soeben eine ganz besondere Auszeichnung zuteilgeworden. Eine Jury der Wochenzeitschrift „Super Illu“ hat ihr einen Titel verliehen, um den sie jedermann beneiden wird: Sie ist, wie die dpa meldet, die „wichtigste Ostdeutsche“ in der Kategorie „Politik“. Wer hätte das gedacht?
Angela Merkel, heißt es in der Begründung, habe „in der CDU aufgeräumt“ (eine Tätigkeit, die Frauen ja generell besser beherrschen als Männer) und „könnte erste Kanzlerin“ dieses Landes werden. Die Ausgezeichnete befindet sich in illustrer Gesellschaft. Die „Super Illu“ kürte außer ihr noch siebzig andere wichtige Ostdeutsche, darunter Wolfgang Stumph, Maybrit Illner und Stefanie Hertel. Im Vergleich mit diesen scheint uns Merkel sogar noch ein bißchen wichtiger, zumal sie sich gegen bedeutende Konkurrenz durchsetzen mußte. Zum Beispiel gegen Cornelia Pieper. Oder gegen... also, gegen Cornelia Pieper und einige andere.
Frauen reden gern
Die Spitzenfrau der Union wird nach dieser Demonstration der Wertschätzung gewiß gestärkt in den „Job-Gipfel“ am Donnerstag gehen. Dabei sollte der Kanzler schon Respekt genug haben, ja mehr noch: „Vor wem hat der Schröder die meiste Angst?“, fragte Heiner Geißler am Sonntag bei einer CDU-Veranstaltung und gab gleich selbst die Antwort: „Vor dieser Frau.“ Doch der Bundeskanzler ist als charmanter, gewiefter Taktierer bekannt und wird sich schon zu helfen wissen. Eine Verhaltensmaßregel gibt in einem „Welt“-Interview der Schauspieler Axel Prahl, der in dem Film „Willenbrock“ erstmals einen Womanizer spielen darf. „Was mögen Frauen gern?“, fragt die Zeitung. Prahls Antwort: „Zuhören ist wichtig, denn Frauen reden gern.“ Schröder wird es beherzigen.
Hoch sind die Erwartungen an das Gipfeltreffen im Kanzleramt, doch so ganz scheint man der Besetzung nicht zu trauen. Ein wahrer Gipfel sei es nur, so hört man, wenn auch der höchste Mann im Staate daran teilnehme: Bundespräsident Köhler, gibt „Spiegel Online“ Forderungen aus den Reihen der Union und der FDP wieder, solle „als Schiedsrichter und Wirtschaftsexperte“ moderieren. Großes Vertrauen in die Wirtschaftskompetenz Merkels und Stoibers scheint in den eigenen Reihen nicht zu existieren; würde man sonst eigens einen Experten dafür einladen wollen?
Platzverweis für Schröder
Noch merkwürdiger ist die Idee, Köhler mit einem derzeit recht zweifelhaft beleumundeten Berufsstand in Verbindung zu bringen, nämlich dem des Schiedsrichters. Wie sollte sich der Bundespräsident denn in dieser Rolle verhalten, schaute er Merkel und Schröder bei ihrem Spitzenspiel zu? Auf Foulspiel entscheiden, wenn der Gegner zu hart rangenommen wird? Am Ende einen Sieger bestimmen? Oder, schlimmstenfalls, einen Platzverweis aussprechen?
Daß uns das Bild des Bundespräsidenten mit einer Trillerpfeife im Mund nicht mehr loslassen will, liegt freilich auch an Köhler selbst, der sich in seiner an diesem Dienstag vorgetragenen Grundsatzregel als - Verkehrspolizist präsentierte. Deutschland brauche, so Köhler, „eine politische Vorfahrtsregelung für Arbeit“, man müsse „umsteuern“ und weg vom „Zick-Zack-Kurs“. Außerdem gibt der Verkehrsminister, pardon, der Bundespräsident, den Jobgipflern folgende Weisheit mit auf den Weg: „An die Spitze kommt man nicht im Schlafwagen.“ Wohl wahr. Ganz vorne nämlich ist immer noch der Lokführer. Andererseits reist man im Schlafwagen wesentlich bequemer, kommt zur selben Zeit an - und ist am Zielbahnhof wenigstens ausgeschlafen.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge