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Wellenreiter Plädoyer für den Pomadenhengst

26.08.2004 ·  Der neue Duden, der am Samstag erscheint, wirbt mit „5000 neuen Wörtern“, von denen wir manche schon recht lange kennen. Als eifrigste Sprachschöpferin erweist sich die rot-grüne Bundesregierung.

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Ein Etikett, das im Handel immer funktioniert, lautet „Neu“. Was neu ist, interessiert den Kunden immer, auch wenn es nicht unbedingt besser sein muß als das Alte, was ja auch gar nicht behauptet wird - es steht ja nur „neu“ drauf und nicht etwa „besser“. So wird auch die deutsche Rechtschreibung nach ihrer Reform als „neue“ und nicht etwa als „bessere“ Rechtschreibung bezeichnet.

Womit wir beim Duden wären. Der kommt am Samstag in einer neuen, der insgesamt 23. Auflage auf den Markt, wie schon gewohnt mit der neuen, nicht der besseren Rechtschreibung. Groß prangt das Etikett „Neu“ auf dem Einband - versehen mit dem Zusatz „mit 5000 neuen Wörtern“. Auch dieser Hinweis ist unter den Marktschreiern des Handels üblich: Daß in der Kartoffelchipstüte nun mehr Kartoffelchips sind als vorher, löst beim Kunden verläßlich einen Kaufreiz aus (auch wenn mit dem Zuwachs an Chips einer des Preises verbunden sein sollte und die Tüte seltsamerweise noch immer halbleer ist). Gilt aber für das Wörterbuch, was für die Chipstüte gilt? Kauft man ein Buch, weil dieses mehr Wörter enthält als vorher? Andererseits: Machen die 5000 Wörter angesichts von insgesamt 125.000 Einträgen überhaupt einen Unterschied?

Auch der Duden googlet

Sie machen ihn, jedenfalls was die mediale Begleitung der Neuerscheinung angeht. Weil er vielen noch immer als ein Standardwerk der Sprache gilt, berichten die Medien bei jeder neuen Auflage des Dudens darüber, welche Wörter den Eintrag geschafft haben und damit gewissermaßen geadelt worden sind. So gibt der „Tagesspiegel“ an diesem Donnerstag seinem Bricht über den Duden den Titel „Ich goog(e)le“, weil dieser Begriff nun mit den Weihen der Wörterbuch-Redaktion gesegnet ist. Er ist, so würde es die Duden-Redaktion formulieren, Teil des allgemeinen Sprachgebrauchs geworden. Dem gemeinen Zeitungsleser und Internetnutzer kommt es freilich vor, als sei dies dem Duden reichlich spät aufgefallen - nicht nur im Fall von „googeln“.

Denn was der „Tagesspiegel“ an sonstigen Neuzugängen auflistet, ist schon derart allgegenwärtig in unseren Medien und in der Alltagssprache, daß die Duden-Redaktion weit hinterherzuhinken scheint. Hat es in früheren Duden tatsächlich keine „Billigflieger“ gegeben? Kannten ältere Auflagen noch keine „Fotohandys“? Und mußte es bis zum Samstag dauern, daß ein uns seit vielen Jahren geläufiges Wort wie „prollen“ schwarz auf weiß im Duden wiedergegeben wird?

Sprachprägende Regierung

Weitere neue Begriffe lesen sich wie eine Aneinanderreihung von Schlagzeilenthemen der jüngsten Monate und Jahre: „Rieserrente“, „Minijobs“, „Dosenpfand“, „Alcopops“, „Homoehe“, „Ich-AG“ oder „Praxisgebühr“. Sie alle zeigen, daß die rot-grüne Bundesregierung es zwar nicht geschafft hat, unser Land umfassend auf Vordermann zu bringen, daß sie dafür aber unzweifelhaft unseren Wortschatz geprägt hat.

Man fragt sich allerdings, warum wir all diese Wörter, die uns ohnehin schon Tag für Tag verfolgen, nun auch noch im Duden nachlesen sollen - während seltener verwendete Begriffe ihren Artenschutz verlieren. Stolz verweist im „Tagesspiegel“ der Duden-Redakteur Werner Scholze-Stubenrecht auf den modischen Neueintrag „Latin Lover“, der den kaum mehr gebräuchlichen „Pomadenhengst“ verdrängt hat. Der „Pomadenhengst“ war uns in der Tat nicht sehr geläufig, nun aber, wo er uns in Erinnerung gerufen wurde, wollten wir ihn eigentlich nicht mehr missen.

Auf dem Agenturbild, das den „Tagesspiegel“-Text illustriert, sieht man unter dem Neueintrag „googeln“ das aparte Wort „Göpel“: laut Erklärung eine „alte Drehvorrichtung zum Antrieb von Arbeitsmaschinen durch im Kreis herumgehende Menschen oder Tiere“. Dem Göpel begegneten wir, deren Arbeitsmaschine der ganz ohne Mensch- oder Tierantrieb betriebene PC ist, zum ersten Mal. Und weil er uns so gut gefällt, wünschen wir uns, der Duden würde weniger neuen Moden hinterherlaufen als sich vielmehr als Schatztruhe betrachten, die vernachlässigte Wörter liebevoll aufbewahrt. Nichts gegen eine Neuaufnahme von „googlen“ - solange uns der „Göpel“ auch in der kommenden Auflage bleibt.

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Von Ursula Scheer

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