18.03.2005 · Am gestrigen Nichtwahltag in Schleswig-Holstein zeigte ein Mann Gefühle: Peter Harry Carstensens breites Lachen über Simonis' Scheitern war das Bild des Tages. Ein Plädoyer für die Schadenfreude.
Von Jörg ThomannEine zutiefst niedergeschlagene, zu Boden blickende Frau mit tränenfeuchten Augen: Dies ist das Foto, das sich an diesem Freitag auf den Titelseiten fast aller deutschen Tageszeitungen findet. Die in vier Wahlgängen gescheiterte Heide Simonis ist für eine Republik, die selbst ziemlich an- und niedergeschlagen in den Seilen hängt, mit Sicherheit kein ganz unpassendes Covergirl.
Man hätte die Berichte indes auch anders illustrieren können. Keine Frage, Heide Simonis ist eine sehr bekannte Politikerin und ihr unfreiwilliges Karriereende aufsehenerregend; das eigentliche Bild, ja das Gesicht des Tages aber war für uns ein anderes. Zur Schau trug es am gestrigen schleswig-holsteinischen Nichtwahltag Simonis' Widersacher Peter Harry Carstensen.
Ein Mann zeigt Gefühl
Selbst politische Gegner, lesen wir heute in mancher Zeitung, hätten nach dem Debakel Mitleid mit Heide Simonis gezeigt. Nicht so Peter Harry Carstensen. Was er zeigte, war das exakte Gegenteil von Mitleid. Als die Wahlergebnisse bekanntgegeben wurden, formten sich Carstensens Züge zu einem völlig ungenierten, breiten, triumphalen Lachen. Ein stilles Siegerlächeln hätte es gewiß auch getan und fraglos souveräner gewirkt, Peter Harry Carstensen aber zeigte ganz unverhohlen Emotionen. Genauer gesagt: Schadenfreude.
Wenn ein in zahllosen parlamentarischen Schlachten gestählter, im täglichen Spiel mit den Medien zum routinierten Rollenspieler avancierter Politiker plötzlich unverhohlen Gefühle zeigt, so ist das an sich höchst erfreulich. Auch dann, wenn Carstensens Jubelausbruch neben der Erschütterung von Simonis sich recht uncharmant ausnimmt. Doch man kann ihn ja verstehen. Es genüge ihm nicht, der Beste zu sein, hat Harald Schmidt einmal gesagt; er wolle andere scheitern sehen. Diesen Satz wird Peter Harry Carstensen unterschreiben können.
Schadenfroher Deathrock
Schadenfreude, heißt es, gibt es nur im Deutschen. Was insofern völliger Quatsch ist, als dieses Gefühl global beheimatet ist. Sprachlich hingegen stimmt es schon: Im Englischen etwa hat man das deutsche Wort kurzerhand übernommen - und derart liebgewonnen, daß die Google-Suche nach „Schadenfreude“ zuvorderst fremdsprachige Websites ans Tageslicht fördert.
Da gibt es die Seite schadenfreude.net, hinter der sich eine Komikertruppe aus Chicago verbirgt, die den Besuchern ihren seltsamen Namen (sprich: „shädn-froid“) erst einmal erklären: „Pleasure derived from the misfortunes of others“. Der Seite schadenfreude.info entnehmen wir wiederum, daß es ein gleichnamiges Goth- und Deathrock-Festival in Washington D.C. gibt.
Das Online-Lexikon Wikipedia klärt uns auf über die Ursprünge des Wortes (Althochdeutsch scado, frewida), nennt als mögliches englisches Äquivalent epicaricacy (kein Wunder, das sich das nicht durchsetzte!) und unterscheidet zwischen „secret schadenfreude“ und „open schadenfreude“ (siehe auch: Carstensen). Außerdem erfahren wir, wer den Begriff den Amerikanern nähergebracht hat. Es war, wie in so vielen Fällen, die Bildungssendung „The Simpsons“, die das Wort in einem Vater-Tochter-Dialog zwischen Homer und Lisa eingeführt hat.
Das großartigste Wort
Was die „Simpsons“ durch eine Erwähnung adeln, kann nicht ganz schlecht sein. Vollends versöhnt aber werden wir mit dem vermeintlich deutschen schlimmen Gefühl durch ein Loblied der BBC. Eine Studie, lesen wir dort, habe bewiesen, daß Schadenfreude beim Streßabbau helfe und folglich „gesund“ sei. Und weiter: „Vielleicht das großartigste Wort überhaupt in irgendeiner Sprache, ist Schadenfreude die prägende Emotion des 20. Jahrhunderts geworden.“ Es sieht nicht danach aus, als würde sich daran im 21. Jahrhundert etwas ändern.
Und dann stoßen wir noch auf eine Website des Senders, den wir mal die deutsche BBC nennen wollen: des Mitteldeutschen Rundfunks. „Wenn anderen ein Malheur passiert, dann brechen die Zuschauer oft in schallendes Gelächter aus“, steht dort geschrieben. „Das ist auf der ganzen Welt so, denn Mißgeschicke sorgen für soziale Gleichstellung. Im Moment des Malheurs sind alle Menschen liebenswert gleich. Deshalb ist Schadenfreude nicht Freude über den Schaden, sondern Freude über menschliche Gemeinsamkeiten.“ Menschliche Gemeinsamkeiten - auch wenn der MDR denkbar weit weg von Schleswig-Holstein funkt, so darf man das wohl als eine Prognose heranziehen: Es läuft alles auf eine Große Koalition hinaus.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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