04.05.2004 · Janet Jackson, die Sängerin mit der fehlfunktionierenden Garderobe, hat nun den wahren Schuldigen hinter „Nipplegate“ ausgemacht: George W. Bush inszenierte den Skandal als perfides Ablenkungsmanöver.
Mit seinen Gegnern geht George W. Bush bekanntlich nicht zimperlich um, glorreiche Siege jedoch sind rar. Saddam Hussein sitzt zwar in Haft, im Irak aber tobt der Krieg weiter, und Usama Bin Ladin verschickt weiterhin Tonbänder. Wenn der amerikanische Präsident es überhaupt geschafft haben sollte, einen mächtigen Feind richtig zu vernichten, dann war es Janet Jackson.
Das jedenfalls glaubt Janet Jackson selbst. Die Sängerin hat sich mit ihrem denkwürdigen Auftritt beim der Superbowl-Live-Übertragung, als sie Millionen Zuschauer mit einer unübersehbaren Garderobenfehlfunktion konfrontierte, endgültig aus den Musikfachzeitschriften verabschiedet und in den Klatschspalten niedergelassen. Nur selten will mit ihr noch jemand über ihre Arbeit sprechen. Nicht einmal die seriöse „Financial Times Deutschland“. Auch auf deren „Gesellschaft“-Seite geht es wieder um „Prüderie, nackte Brüste“ sowie, das immerhin ist mal was anderes, „den nächsten US-Präsidenten“.
Der größte Flop ihrer Karriere
Wer das ist, das weiß auch Janet Jackson nicht. Sie weiß nur, wer es um Himmels willen nicht noch einmal werden darf. So ist Frau Jackson überzeugt davon, „daß wir dringend einen Demokraten als Präsidenten brauchen“. Daß nämlich, wie die „Financial Times“ schreibt, ihr neues Album „der größte Flop ihrer Karriere“ wurde und für Janet Jackson, wie die poetische Überschrift lautet, „Das Ende des Regenbogens“ erreicht ist, das alles hat ihr, wie sie meint, nicht etwa ihre instabile Kleidung eingebrockt und auch nicht Justin Timberlake, sondern kein anderer als George W. Bush.
„Ich rede nicht gerne über Politik, weil das etwas Persönliches, Privates ist. Zumindest in meinen Augen“, sagt die Sängerin (die sich gleichwohl nicht gescheut hat, ganz andere persönliche, private Dinge öffentlich zu machen). Nun aber ist die Lage so ernst, daß auch über Politik geredet werden muß. „Die Regierung braucht etwas, um von wichtigen außenpolitischen Themen abzulenken. Und deswegen glaube ich, daß sie mich und viele meiner Kolleginnen schon lange im Visier hat“, läßt die Sängerin die „FTD“ wissen. „Sie benötigte nur einen Aufhänger - und den haben sie bei mir gefunden. Insofern hätte es wirklich jeden treffen können, aber sie haben mich herausgepickt. Das ist wirklich bedenklich.“
Ziemlich geheimnislos
Dazu ist zu sagen, daß es Bush schon sehr viel schwerer gefallen wäre, sich jemand anderen herauszupicken als eine zumindest kurzzeitig so exponierte Figur wie Frau Jackson. Die „FTD“ allerdings ist ganz einverstanden damit, den Vorfall auf eine politische Ebene zu heben, und wagt einen historischen Vergleich: „Richard Nixon scheiterte an Watergate, Janet Jackson drei Jahrzehnte später an Nipplegate.“ Enthüllt wurde hier wie dort, freilich scheint uns der Fall Nixon um einiges schwerwiegender und mysteriöser - und während noch heute jeder rätselt, wer wohl der unbekannte Informant „Deep Throat“ gewesen ist, hat Janet Jackson soviel von sich preisgegeben, daß sie ziemlich geheimnislos dasteht.
Und noch Monate später hat sie, wie sie sagt, nichts zu bereuen; und warum auch, wenn die Schuld ohnehin Bush trägt. Der hat seine Außenpolitik übrigens immer noch nicht recht im Griff und könnte zur Ablenkung ein zweites „Nipplegate“ ganz gut gebrauchen. Vielleicht tut Janet Jackson ihm den Gefallen; noch ist schließlich nicht alles enthüllt worden. Und gemäß ihrer eigenen Logik müßte sie dem Präsidenten ja auch dankbar sein - dürfte er mit seiner Politik doch viele Leute so stark abgelenkt haben, daß sie gar nicht bemerkten, wie schlecht Janet Jacksons neue Platte ist.