05.11.2003 · Verblüffende Erkenntnisse über Keanu Reeves: Der „Matrix“-Star verschenkt Harleys, schaut bei Filmen stets auf die Hände und findet „Matrix Revolutions“ offensichtlich furchtbar. Oder haben wir das falsch verstanden?
Manchmal liest man Interviews und wünscht sich, man wäre dabeigewesen. Als dritte Person, die dem Interviewer und dem Interviewten zuhört und sich immer dann, wenn es ihr passend erscheint, in das Gespräch einschalten kann: um nachzufragen, um einen Kommentar loszuwerden. Ein solches Interview ist an diesem Mittwoch das der „Süddeutschen“ mit dem Schauspieler Keanu Reeves.
Zu Reaktionen reizt bereits der Beginn des Artikels, der zwei Kommentare des Interviewers über den „Matrix“-Star enthält. „Nicht wirklich von dieser Welt, so kommt er in den „Matrix“-Filmen daher, der gefallene Engel unter den jungen Hollywoodstars. Ein Engel mit Geschäftssinn - durch seine Beteiligung am „Matrix“-Einspiel ist er Millionär geworden.“ Da möchte man gerne dazwischenrufen: Moment mal! Was qualifiziert ausgerechnet Keanu Reeves zum „gefallenen Engel“? Sind andere jüngere Hollywood-Schauspieler nicht viel tiefer gefallen, der ständig in Drogengeschichten verwickelte Robert Downey Jr. etwa oder der ewige „Kevin“ Macaulay Culkin?
Nur ein Millionär
Und sobald man das hineingerufen hat, kommt man gleich zum zweiten Punkt: Wäre es wirklich als „Geschäftssinn“ zu bezeichnen, hätte es Reeves einzig dank „Matrix“ nur zum mickrigen „Millionär“ gebracht? Wo wir doch wissen, daß Reeves zu jenen Großverdienern Hollywoods zählt, die für jeden Film eine Gage von 25 Millionen Dollar einstecken können? Gut, jetzt aber wollen wir erst einmal zuhören, sonst kommen die beiden in der „Süddeutschen“ ja gar nicht mehr zu ihrem Gespräch.
Und das geht recht vergnüglich los. Mit der Bestätigung des Schauspielers nämlich, jedem seiner zwölf Stuntleute nach Abschluß der „Matrix“-Dreharbeiten eine Harley Davidson geschenkt zu haben - als Dank dafür, daß sie sich wochenlang von ihm verprügeln ließen: „Mit unglaublichem Eifer. 'Nochmal, Keanu?' Mehr hab ich nie von denen gehört.“ In dieser Großzügigkeit wäre wohl ein Grund dafür zu finden, sollte Reeves tatsächlich noch nicht zu den Multimillionären zählen. Ein zweiter wäre wohl eine gewisse Unselbständigkeit: Ist Reeves doch mit neununddreißig Jahren erstmals in ein eigenes Haus eingezogen, nachdem er jahrelang in Hotels gewohnt hatte. Eine neue Situation, die ihn zunächst deutlich überforderte: „Anfangs fühlte sich's fremd an . . . Ich wachte in diesem fremden Haus auf: Was mach ich hier? Kochen? Muß ich kochen? Kann ich kochen? Wie . . . macht man das? Ich wollte sofort wieder ins Hotel zurück.“
Überwältigende Schönheit
Muß ich, kann ich kochen: Das also sind die großen Fragen, die den Welterlöser Neo aus „Matrix“ ganz privat beschäftigen. Ob Reeves inzwischen kochen kann, ob er das Haus wieder verkauft hat, das würden wir nun gern wissen, doch statt dessen dreht sich das Gespräch nun um Filme. Der abgedrehten „Matrix“-Reihe attestiert Reeves eine „überwältigende Schönheit“, ansonsten aber zieht er europäische Filme vor. Und zwar - eine überaus interessante Begründung - wegen der Hände.
„In Europa weiß man noch, was eine Hand wert ist, da gibt es noch Großaufnahmen von Händen: Wie eine die andere faßt. Und jeder versteht, was gemeint ist - und doch unausgesprochen bleibt. Scorsese konnte früher noch so erzählen, so persönlich, ohne die Größe seines Sujets aus den Augen zu verlieren. Ich glaube, danach sehne ich mich“, bekennt Reeves. Wir haben „Matrix Revolutions“ noch nicht gesehen, die Kritiker freilich haben den Plot des Films als ziemlich verworren bezeichnet, mit anderen Worten: Hand und Fuß hat die Sache nicht. Da hätten wir den Schauspieler gern noch einmal nach seiner Einschätzung von „Matrix“ gefragt.
Und das besonders auch aufgrund seiner folgenden Aussage: „In amerikanischen Filmen muß immer was explodieren - oder jemand stirbt oder erblindet, um eine Plotwendung zu bezeichnen oder eine Aussage zu unterstreichen.“ Pikanterweise ist „Matrix Revolutions“ nun, auch darin sind sich die Kritiker einig, ein typischer amerikanischer Actionfilm, in dem es auch zum einen oder anderen Todesfall kommt. Und was schließlich passiert in dem Film außerdem, um eine Plotwendung zu bezeichnen oder eine Aussage zu unterstreichen? Neo, der von Reeves gespielte Held, erblindet. Weshalb wir nun ausgesprochen gerne wissen würden, ob Keanu Reeves bei diesem Satz gegrinst und mit dem Auge gezwinkert hat. Aber wir waren ja - leider - gar nicht dabei.