13.02.2004 · Wer wollte, konnte es kommen sehen. Doch jetzt sind alle vom ersten erfolgreichen Klonen eines menschlichen Embryos überrascht. Die Zukunft ist jetzt. Was könnte verwirrender sein?
Zukunft, so beschreibt es Wahrigs Deutsches Wörterbuch, ist „die noch bevorstehende Zeit“. Daran glauben wir Menschen, und müssen es auch, denn wir sind nun mal für das Leben in linearen Abläufen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geschaffen. Daran halten selbst Kosmologen fest, die ansonsten ja gerne mal mit der Relativität der Zeit jonglieren. Mit der Nachricht vom ersten Klon-Embryo scheint unser Zeitgefühl aber aus den Fugen geraten zu sein. „Bislang war sie nur ein Zukunftsszenario, jetzt ist sie in die Gegenwart getreten: die Tatsache, dass Menschen Menschen klonen können“, hat die „Rheinische Post“ in Düsseldorf dementsprechend erkannt.
So stehen wir nun da und staunen, daß uns die Zukunft überholt hat. Was nun? Der „moralische Rigorismus der Deutschen“, so meint „Die Welt“, helfe jedenfalls jetzt nicht mehr weiter und stamme aus „aus einer Zeit, da das Wünschen noch geholfen hat.“ Der (deutsche) Wunsch, die ethische Grenze nicht zu überschreiten, nicht Gott zu spielen, dies alles zu verbieten, gehe spätestens dann in die Leere, wenn die „Lebensretter“ aus der Retorte feilgeboten werden: Nieren, Leber, Bauchspeicheldrüsen. Und dann sage noch jemand einem Betroffenen: Nimm das nicht an! So manchem Todkranken wäre damit eine Zukunft verbaut.
Mißtrauen und Unwissenheit
Dann also lieber Vorfreude auf das heilbringende Ersatzteillager? „Mißtrauen ist berechtigt. Denn wieder werden die Hoffnungen vieler genährt, daß Wissenschaftler alsbald menschliche Organe und Gewebe züchten und damit Krankheiten wie Alzheimer oder Parkinson heilen werden“, formuliert die „Offenbach Post“. „Für die Praktiker der Medizin kommt die Meldung zu früh. Sie wissen noch gar nicht wie Alzheimer funktioniert“, ergänzt die RP. Ein zweiter Schritt vor dem ersten?
Das ist noch kein Grund zu stolpern, findet der Berliner „Tagesspiegel“: Es gehe „eben nicht darum, Frauen zu ,Rohstofflagern' und Menschen zu ,Ersatzteillagern' zu machen. Denn es handelt sich lediglich um spezielle Zellen, die im Reagenzglas erzeugt und gezüchtet werden, nicht etwa um ganze Organe, die lebenden Menschen entnommen werden. Mit solchen Horrorvisionen wird das Bemühen um neue Behandlungsmethoden für schwere Krankheiten auf unsachliche Weise diskreditiert“, meint das Blatt. Und die „Süddeutsche Zeitung“ betont: „In vielen Ländern befürwortet die Bevölkerung das therapeutische Klonen mit gutem Gewissen. Deshalb ist der Versuch, die Technik weltweit zu verbieten, nicht nur zum Scheitern verurteilt, sondern auch noch falsch. Die Ächtung des Baby-Klonens aber ist längst überfällig.“ In der angebrochenen Zukunft wirken die Nachlässigkeiten der Vergangenheit nach.
Gefährliche Wissenslücke
Um die Verwirrung komplett zu machen: Bezogen auf das Klonen bewegen wir uns sogar in verschiedenen Zeiten. Während das Gros der Menschheit in der Gegenwart verharrt, abwechselnd staunt und sich gruselt, sind einige wenige längst in der Zukunft angekommen. „Die Wissenslücke zwischen der Bevölkerung und den Spezialisten ist riesig und kann nicht ohne weiters abgeschafft werden“, schreibt „The Times“ aus London. Und weiter: „Die Männer in den weißen Kitteln befolgen möglicherweise alle Regeln der Wissenschaft, aber bei den Bürgern bleibt dennoch Ungewißheit. Daher fällt die Verantwortung auf die Regierungen, zu erklären, was es mit der Klonforschung auf sich hat und warum sie so wichtig ist. Die Versicherung, daß das Klonen die menschliche Rasse nicht bedroht, muß erneut verständlich gemacht werden.“
Eine Aufgabe für die ganz nahe Zukunft, im Grunde schon für die Gegenwart, wenn es nicht sogar eine Aufgabe für die Vergangenheit gewesen wäre. Auf jeden Fall ist es eine Aufgabe für längst angebrochene Zeiten.