01.02.2005 · Die Elternschaft ist längst kein anonym ertragenes Dasein mehr. Mit einer rasant wachsenden Zahl von Baby-Weblogs lassen Mütter und Väter die Welt an Freude und Nöten mit ihrem Nachwuchs teilhaben.
Von Jörg ThomannEiner kleinen, lange wenig beachteten Randgruppe der Gesellschaft wird zuletzt ziemlich viel Aufmerksamkeit geschenkt: den Eltern. Plötzlich sorgen sich Politiker aller Parteien um sie, versprechen ihnen vielerlei Förderung, wollen Kindergartenplätze schaffen und Müttern wie Vätern eine schöne Karriere ermöglichen.
Und auch die Eltern selbst melden sich zu Wort: Fanden sie kurz zuvor mit ihren Nöten nur bei anderen Eltern auf dem Spielplatz Gehör, so dürfen sie sich nun in Fernsehen, Radio und Presse äußern. Und in Sendungen wie der „Super-Nanny“ läßt sich das erstaunlich zahlreiche Publikum Woche für Woche davon überzeugen, daß ein Leben mit Kindern der permanente Ausnahmefall ist, ein fürchterlich tobender Familienkrieg, den nur eine kurzfristig aktivierte Geheimwaffe, ein stählernes Kindermädchen, für die geplagten Erziehungsberechtigten entscheiden kann.
Wiegenbau und Windelwechsel
Bislang mußten Eltern über andere Medien um Beachtung kämpfen. Zum Beispiel über das Telefon - mit dem Nachteil, daß man hier nur einen einzigen Ansprechpartner hatte und das Gespräch jederzeit durch die lieben Kleinen unterbrochen werden konnte. Oder über das Internet, das noch jeder Minderheit eine Stimme verleiht. Dieses Medium führt nicht nur Interessierte in Foren über die richtige Ernährung oder Kinderkrankheiten zusammen, sondern wird von Menschen mit Nachwuchs dazu genutzt, der Welt mitzuteilen, was in ihrem Leben gerade passiert. Das ist außer Wiegenbau und Windelwechseln zwar nicht viel, will aber auch gern erzählt werden.
„Die undankbarste Beschäftigung der Welt, die Elternschaft, hat noch nie so viele Nachahmer angeregt“, schreibt die „New York Times“ in einer aktuellen Abhandlung über von Eltern verfaßte Weblogs. Die Zahl der Internet-Tagebücher rund ums Baby hat sich demnach innerhalb eines Jahres mehr als verdoppelt - auf 8.500. Keine Krippengeschichte, schreibt die Zeitung, die nicht für wert befunden würde, erzählt zu werden - vom ersten, zweiten oder dritten Zahn bis zur großfamiliären Durchfall-Epidemie.
Ich bin auch noch da
Die Weblog-Autorin Jenniger Weiner, deren Internet-Abenteuer als Mutter später sogar als Buch erschienen sind, erklärt sich den großen Mitteilungsdrang damit, daß die frischgebackenen Eltern als oft schon über Dreißigjährige daran gewöhnt gewesen seien, stets im Mittelpunkt zu stehen. Das Webloggen sei ein Signal an die Außenwelt: „Hey, ich habe vielleicht jetzt ein Kind, aber ich bin auch immer noch da.“
Schließlich geht es in den Weblogs, auch diese Diagnose wird in der „Times“ aufgestellt, zwar vordergründig um die Kinder, eigentlich aber um die Eltern. Deren neues Hobby kann als Ausgleich dienen dafür, den ganzen Tag lang für jemand anderen dazusein, kann beim Streßabbau helfen oder schlimmstenfalls gegen die Depression derjenigen, die mit der neuen Rolle (noch) nicht klarkommen.
Frustabbau im Netz
Auch deutsche Baby-Weblogs zeugen von diesen Nöten: „Die neue Wohnung ist ja super, nur irgendwie fühl ich mich da untertags sehr alleine, weil ich hier keinen kenne, dabei würde ich so gern andere junge Muttis kennenlernen, damit Basti wen zum spielen und ich zum reden hab. So, der Frustabbau mußte jetzt mal sein“, schreibt eine junge Mutter.
Meist aber dominiert in den Web-Tagebüchern der Elternstolz. Da finden sich professionell gemachte Seiten mit vielerlei grafischen Elementen und einem ständig aktualisierten Zähler, der neue Rekorde verkündet: „610 Stunden seit dem letzten Unfall mit einer undichten Windel“ etwa. Und selbst wenn das Kind einmal keinen Stoff liefert, wird auf einen Eintrag nicht verzichtet: „Heute bin ich so richtig müde. Lieg den ganzen Tag nur rum und schlafe. Mein kleiner Bär liegt immer brav bei mir und paßt auf, daß ich brav schlafe.“
Die Würde des Kindes
Die meisten Weblogs verfügen über eine sehr übersichtliche Leserschaft, die sich auf ein paar Freunde und Verwandte beschränkt; manche Autoren indes haben es auf eine stattliche Fangemeinde und einige Berühmtheit gebracht - die ihren Nachwuchs miteinschließt. Hier liegt ein grundlegendes Dilemma der Babyblogs: Die zwar gutwilligen Verfasser offenbaren Tag für Tag, Stunde für Stunde intimste Details aus dem Leben anderer, die davon gar nichts wissen, ihrer eigenen Kinder nämlich. „Es kommt der Tag, an dem man sich entscheiden muß zwischen dem Schreiben und der Privatsphäre und Würde des Kindes“, mahnt die „New York Times“.
Doch wer weiß: Mancher Weblog-Schreiber mag schon derart süchtig geworden sein danach, in aller Öffentlichkeit aus dem Leben seines Kindes zu plaudern, daß er auch dann nicht darauf verzichten mag, wenn der oder die Kleine längst zur Schule geht und selbst zu schreiben vermag. Dann immerhin hätten die Kinder wenigstens die Chance, sich durch ein eigenes Eltern-Weblog zur Wehr zu setzen. Doch wer fände die eigenen Erzeuger dafür schon interessant genug?
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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