Home
http://www.faz.net/-gqz-nlzd
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Wellenreiter Harry Potter, der Kopfschmerz und andere Folgen

Harry Potter verursacht bei Kindern Kopfschmerzen, bereitet Postbediensteten schlaflose Nächte, ermöglicht Obdachlosen einen Zusatzverdienst, aber schadet dem Wald nicht. Der Wellenreiter surft auf der Welle der Potter-Manie.

© AP Vergrößern Mildtätigkeit oder Marketing. Potter-Vorverkauf via Straßenzeitung

Harry Potter verursacht bei Kindern Kopfschmerzen, bereitet Postbediensteten schlaflose Nächte, ermöglicht Obdachlosen einen Zusatzverdienst, aber schadet dem Wald nicht. Die Welle der Hysterie um den kleinen Zauberer ebbt auch nach fünf Bänden nicht ab, im Gegenteil: Die Berichterstattung der Medien wird immer detaillierter, die Marketingmaschinerie immer umfassender und ausgefeilter.

Zweimal - insgesamt sieben Potter-Bände sind geplant - haben wir die Inszenierung von Verbergung und Enthüllung noch vor uns, bis uns die triste Leere umfängt, wenn der finale Band gekauft, die letzte Seite gelesen ist.

Mehr zum Thema

Migräne bei Halbwüchsigen

Der amerikanische Mediziner Howard Benett schlägt bereits jetzt Alarm. Das Lesevergnügen des fünften Bandes ist keines ohne Reue, zumindest für Halbwüchsige. Drei Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren, berichtet Benett im „New England Journal of Medicine“, hätten unter Migräne gelitten, nachdem sie mehrere Stunden lang im Band „Harry Potter und der Orden des Phönix“ geschmökert hätten. Nicht so bei den bisherigen vier Bänden. Benett findet eher akzidentelle Ursachen für das Mißbehagen der Kleinen: Gewicht und Größe des neuen Wälzers sind verantwortlich für den Kopfschmerz. Sie führen zu Verspannungen.

Wellenreiter Freitag © FAZ.NET Vergrößern WELLENREITER - durch die Informationsflut mit FAZ.NET

Bedenken substantieller Natur äußert dagegen das Jugendamt der Stadt München. Die Komplexität der rund tausend Seiten umfassenden Handlung und die teilweise sehr detailliert geschilderten Szenen von Verletzungen und Gewalt könnten Kinder schnell überfordern und Ängste hervorrufen, erklärte die Fachstelle Jugendschutz.

Sonderschichten und Gratwanderungen

Doch das sind nur Randglossen einer Erfolgsgeschichte, in deren Bugwelle die wunderlichsten Dinge geschehen: Die Deutsche Post legt eine Sonderschicht ein. Mindestens tausend Postler werden ab Mitternacht an jenem denkwürdigen 8. November das Buch ausliefern. Ob wir hier eine Folge der Privatisierung der Post bestaunen dürfen oder ein weiteres Phänomen des Harry-Potter-Fiebers muß einstweilen ungeklärt bleiben.

Die Harry-Potter-Werbung begibt sich derweil auf eine heikle Gratwanderung. Das soziale Gewissen wird als Werbemittel eingesetzt. Der Einfall, das erste Kapitel des neuen Bandes verschiedenen Straßenzeitungen zum Vorabdruck zu überlassen, ist ganz sicher geschäftstüchtig. Ein Geschmäckle hat es gleichwohl, unter dem Deckmantel der Mildtätigkeit die Verkaufszahlen nach oben zu treiben.

Harry Potter gratis? Nein, danke

Die Wiener Obdachlosenzeitung „Augustin“ verzichtete auf den angebotenen Vorabdruck und bildet damit eine Insel der Vernunft in einem Ozean kollektiver Besessenheit. Die Zeitung wollte sich nicht als kostengünstige PR-Plattform nicht zur Verfügung stellen. „Augustin“ war sich wohl bewußt, daß ihm das Potter-Kapitel eine Menge neue Leser beschert hätte, die aber mit dem Rest der Zeitung nichts weiter anzufangen gewußt hätten: „Ein Vorabdruck wäre ... wie eine einmalige Gratis-Burenwurstaktion in einem vegetarischen Restaurant.“

Die Begründung der Ablehnung hat nicht zu leugnenden Stil und könnte gerne hier als Schlußwort herhalten. Wäre da nicht, ja wäre da nicht noch ein Detail, dessen Kenntnis wir dem Druckhaus des Löwenanteils der deutschen Auflage verdanken. Harry darf nur auf Umweltpapier zaubern. Der Rohstoff für Potter-Papier stammt aus kontrolliertem, also gezielt nachwachsendem Waldanbau in Schweden. Na, da fällt der Kauf doch umso leichter.

Quelle: @wiz

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Ein Streit im Hause Springer

Von Michael Hanfeld

In „Bild am Sonntag“ hat der stellvertretende Chefredakteur einen Islam-Kommentar geschrieben, den man auf die Kurzformel „Nein danke“ bringen kann. In der „Bild“-Zeitung hat deren Chefredakteur Kai Diekmann scharf repliziert. Was sagt uns das? Mehr 61