27.10.2003 · Der Baustop am Berliner Holocaust-Mahnmals zeigt einmal mehr: Deutschland hat im Umgang mit seiner Vergangenheit noch viel zu lernen. Daß es zur Kontroverse um den Graffiti-Schutz der Firma Degussa kam, ist nicht zuletzt Anliegen des Mahnmals.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte zu befördern, dem Vergessen vorzubeugen, ist der Sinn des im Baustop befindlichen Berliner Holocaust-Mahnmals. Die Unterbrechung der Arbeiten, zu der sich das Kuratorium der Mahnmal-Stiftung nach „unversöhnlicher Debatte“, so Kuratoriums Vorsitzender Wolfgang Thierse, entschlossen hat, zeigt, wie sehr der Umgang mit dem Thema Holocaust immer wieder polarisiert.
Auslöser des neuerlichen Streits um das Stelenfeld war der Graffiti-Schutz des Chemie-Unternehmens Degussa. Eingebettet in seine Geschichte, ist der vorgesehene Schmierschutz Protectosil nicht mehr nur ein Lack unter anderen, der Bau des Mahnmals nicht irgendeine Berliner Tiefbaumaßnahme. Der Name Degussa bleibt unwiderruflich mit dem Holocaust und seiner Ermöglichung durch technische Mittel verbunden: Die Degesch, eine Tochterfirma der Degussa, lieferte das Insektenvertilgungsmittel Zyklon B, mit dem die Gaskammern in den Vernichtungslagern der Nazis betrieben wurden.
Die Aufarbeitung der eigenen Firmenvergangenheit, wie sie Degussa betreibt und betrieben hat, macht dies nicht ungeschehen. Auch Degussa wird unter der Perspektive des Holocaust niemals nur eine Firma unter anderen sein. Gerade diese Besonderheit lehrt die bewußtgemachte Geschichte. Sie lehrt nicht den Umgang mit ihr.
Untergang der Besonderheit
So beklagt „Die Welt“ den Untergang der Besonderheit dieses Bauauftrages im Alltagsbetrieb, dessen vorrangige Kriterien Kosten und Gewährleistung sind. Die Baubeteiligung der Degussa sei kein Riesenskandal, zumal diese Firma sich ihrer Geschichte gegenüber durchaus verantwortungsbewußt zeige. Doch sei sie „Ausdruck dieser dröhnenden Geschäftigkeit unserer Zeit“.
„Pragmatische Zähmung des moralischen Rigorismus“
Der „Süddeutschen Zeitung“ erscheint vor allem die Argumentation bemerkenswert, mit der das Kuratorium seine Entscheidung, den Bau zu stoppen, begründet. Das Mahnmal wird ausdrücklich von den Deutschen für die Opfer errichtet. „Weil die Vernichtung der Juden in bürokratisch-industrieller Form vollzogen wurde“, schreibt das Blatt, „haben sich viele deutsche Firmen kompromittiert.“ Der Fall des Anti-Graffiti-Lacks zwingt zu der Frage: Soll man alle diese Firmen von der Errichtung des Mahnmals ausschließen?
Diesem moralischen Rigorismus entgeht das Kuratorium durch eine willkürliche, keineswegs aber beliebige Grenzziehung. Lea Rosh, Vorsitzende des Föderkreises für das Mahnmal sagte dazu, mit einer Fima, die lediglich Knöpfe für SS-Uniformen herstellte, hätte man keine Probleme gehabt, bei Zyklon B aber sein „eine Grenze überschritten“. Die „Süddeutsche Zeitung“ nennt das die „pragmatische Zähmung des moralischen Rigorismus, dem der Baustopp entspringt“.
Fehlendes Gespür für die scheinbar unwichtigen Gesten
Der „taz“ war der Degussa-Streit einen thematischen Schwerpunkt und einen Kommentar auf der ersten Seite wert. Unter dem Titel „Wir Saubermänner“ bemängelt der Kommentar fehlende Zurückhaltung, Taktgefühl und ein Gespür für die Bedeutung scheinbar unwichtiger Gesten in Deutschland, wenn wir uns den Opfern des Nazismus zuwenden. So müsse es, wenn wir uns des Mordes an den europäischen Juden erinnern, nicht nur „das größte denkbare Denkmal sein, sondern auch das schmutzresistenteste“.
Die langen und weitverzweigten Diskussionen, die darüber geführt wurden, ob ein solches Monument überhaupt gebaut werden sollte, wo in Deutschland es den geeigneten Platz habe, welche Gestalt die richtige sei, mögen eine beklagenswerte Unsicherheit, Unbedachtheit, Ungelenkheit im Umgang mit dem Thema offengelegt haben. Eines jedenfalls haben die Ereignisse in Berlin und ihr Widerhall in den Medien gezeigt. Die Entscheidung, ein Mahnmal dieser Art in Deutschland zu errichten, war richtig und wichtig.